Heini und die Wahrsagerin


Nun war endlich der Tag gekommen, auf den sich alle in dem kleinen, verschlafenen Dorf so sehr gefreut hatten. Ein großes Fest, mit vielen Angeboten für Groß und Klein, begann. Alles roch nach Anis und gebrannten Mandeln, und wohin man auch ging, ertönte lustige Musik.
Der kleine Heini, der immer auf der Suche nach einem Abenteuer war, hatte schon seit einem Jahr einen Teil seines Taschengeldes gespart, um gerade auf diesem Fest etwas großes zu erleben. Es war nicht viel, aber immerhin hatte er einen ganzen Silbertaler, den er ausgeben konnte.
Da waren ein Kettenkarussell, eine Schiffschaukel, eine Schießbude und eine von allen Kindern geliebte Geisterbahn. Auch an den hungrigen Magen der Festbesucher wurde gedacht. So bot man den Leuten purpurrote Liebesäpfel, Zuckerwatte oder gar leckere Würstchen mit Brötchen an.
Heini schaute sich zuerst alles an, denn er wollte mit seinem Geld umsichtig umgehen und nicht alles auf einmal ausgeben.
Als er so ziemlich alles erkundet hatte, stand er vor einem geheimnisvollen Zelt. Er hörte eine Stimme rufen: „Tretet ein, hier erfahrt ihr alles über eure Zukunft, tretet ein.“

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Heini wurde neugierig, denn er hätte gerne erfahren, was ihm die Zukunft bringt. Würde er bald sein großes Abenteuer erleben, oder bliebe alles weiterhin so ruhig, so wie man es im Dorf gewöhnt war?
Vorsichtig trat er in das Zelt, in dem eine alte Frau saß, die fuchtelnd ihr Hände über eine leuchtende Glaskugel hielt.
„Trete ein, Söhnchen,“ sprach die Alte zu Heini, „bei mir erfährst du alles, was du wissen willst. Kannst du mich bezahlen, so stell mir deine Fragen.“
Zögernd fragte Heini, ob sie ihm sagen könnte, wann er sein erstes Abenteuer erleben darf. „Oh ja,“ erwiderte sie, „die alte Adeltrud weiß alles, aber sage mir zuerst, wie viel Geld du hast.“
„Ich habe einen Silbertaler, den habe ich mir erspart und möchte ihn gut anlegen,“ sagte Heini und legte das Geldstück auf den Tisch, an dem die Frau saß. Blitzschnell griff sie nach dem Taler und sprach: „Nun ja, es ist nicht viel, aber ich werde bei dir eine Ausnahme machen, weil du so ein netter Junge bist.“
Dann drehte sie sich um, und ließ grinsend Heinis Geld in eine Truhe verschwinden.
„Du willst also wissen, wann dein großes Abenteuer beginnt?“ fuhr sie fort und machte sich daran mit verschwörenden Handbewegungen über die Kugel zu streichen. Sie stöhnte und ächzte, dann sprach sie mit verstellter Stimme:
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„Fideldi und fideldum,
was geschieht um dich herum?
Fideldi und fidelreigen,
sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“
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Heini stand etwas verängstigt vor ihr, beobachtete aber die Alte ganz genau.
„Die Kugel sagt mir, dass noch heute ein großer Adler mit weiten Schwingen auf dich herabfliegt, um dich zu ergreifen. Er will dich entführen und sich mit dir in die Lüfte erheben. Sei auf der Hut, er hat nichts Gutes im Sinn.“
Heini hörte die Warnung der alten Adeltrud und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich werde achtsam sein und mit dem Adler kämpfen.“
Dann drehte er sich um und verließ voller Erwartung das Zelt.
Die gerissene Adeltrud rieb sich kichernd ihre Hände und dachte: „So ein dummer Junge, er glaubt diesen Unsinn und bezahlt auch noch dafür.“
Unterdessen bastelte sich Heini so schnell er konnte eine Schleuder, sammelte jede Menge Steine zusammen, setzte sich wartend und ausschauhaltend auf eine Wiese, so dass er den Adler schon aus der Ferne erkennen konnte. Er wollte mit seiner Steinschleuder den Kampf gegen den großen Vogel aufnehmen, aber dann schlief er unerwartet ein.
Nach einer gewissen Zeit weckte Heini ein zartes, leises Zwitschern. Er sah auf und bemerkte einen kleinen Spatz, der aufgeregt vor ihm hin und her flog. Heini streckte seine Hand aus und noch ehe er sich versehen konnte, setzte sich der kleine Piepmatz auf einen seiner Finger und fing an, sein schönstes Lied für ihn zu singen. Danach erhob sich der kleine Vogel in die Lüfte und war kurze Zeit später nicht mehr zu sehen.
Heini fielen die Worte der alten Adeltrud ein. „Sagte sie nicht, es käme ein Adler mit weiten Schwingen?“ grübelte er und entschloss sich die Alte noch einmal in ihrem Zelt aufzusuchen, um nachzufragen.
„Vogel ist Vogel, egal ob Adler oder Spatz,“ herrschte Adeltrud den kleinen Heini an. „Ich hatte Recht, so oder so. Deinen Silbertaler bekommst du nicht zurück, aber weil ich ein guter Mensch bin, sehe ich für dich ein zweites Mal in die Zukunft. Setze dich nieder und höre was ich dir zu sagen habe.“
Und wieder rieb sie die Glaskugel und sprach ihre Worte:
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„Fideldi und fideldum,
was geschieht um dich herum?
Fideldi und fidelreigen,
sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“
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„Ein großer, kräftiger Tiger verfolgt dich. Er ist böse und frist Menschenfleisch. Sei auf der Hut, er will noch heute deinen Kopf,“ krächzte Adeltrud und ermahnte den Knaben abermals wachsam zu sein.
Und wieder, in voller Erwartung auf das, was er erleben sollte, verließ Heini gutgläubig das Zelt der alten Frau und machte sich daran, ein Schwert aus Holz zu schnitzen. Damit wollte er den Tiger siegreich bekämpfen und töten.
Adeltrud war sich ihrer Sache aber nicht mehr so sicher. „Was mache ich, wenn der Knabe wieder zurückkommt. Den Taler gebe ich nicht mehr her. Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich ihn ein für allemal loswerde,“ dachte sie sich, und fing an, einen tückischen Plan auszuhecken.
Heini unterdessen setzte sich mit seinem Schwert wieder an den Platz auf der Wiese und wartete. Und wie schon beim letzten Mal, schlief er erneut ein. 
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Ein sanftes schnurren und miauen beendete seinen Schlaf. Als er sich umblickte, sah er ein kleines Kätzchen, das sich an seinen Körper anschmiegte. Er nahm es vorsichtig auf und streichelte sein seidenweiches Fell. Es schnurrte so lieb und so laut es konnte. Dann, als es genug hatte von Heinis Liebkosungen, machte es einen Satz, stellte sein Schwänzchen kerzengerade in die Höhe und lief mauzend davon.
„Das niedliche Kätzchen war aber kein böser Tiger,“ ging es dem Knaben durch den Kopf. Er wollte ein Abenteuer, das hat ihm die Alte vorrausgesagt, und dafür hatte er einen ganzen Silbertaler bezahlt. So machte er sich abermals zum Zelt auf, wo ihn Adeltrud schon erwartete.
Heini erzählte von seinem Erlebnis und forderte seinen Taler zurück. Die Alte aber umgarnte ihn erneut und machte ihm folgenden Vorschlag:
„Ich werde für dich ein drittes und letztes Mal in die Zukunft schauen. Und wenn es so sein soll, bekommst du deinen Taler zurück, aber wenn meine Voraussicht eintrifft, behalte ich dein Geld, und du gibst dich mit dem zufrieden, was du erlebst.“
Heini ließ sich zweifelnd auf das Angebot der alten Frau ein und sagte dem Handel zu.
Und erneut befragte Adeltrud die Kugel:
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„Fideldi und fideldum,
was geschieht um dich herum?
Fideldi und fidelreigen,
sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“
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„Die Zauberkugel sagt mir,“ heuchelte die Alte dem Knaben vor, „das du genau an dem Platz, an dem du auf den Adler und den Tiger gewartet hast, graben sollst. Dort unten im Erdreich findest du einen großen Schatz. Mit dem wirst du dir alle Abenteuer dieser Welt erkaufen können. Aber gib Acht, schaue nicht nach links und nicht nach rechts. Schaue nicht nach vorne, nach oben, oder gar zurück. Schaue immer nach unten und grabe, grabe, grabe. Wenn du dies nicht tust, findest du den Schatz nicht.“
Heini überlegte nicht lange, er verabschiedete sich für immer von der alten Adeltrud und machte sich sofort auf den Weg, um den Schatz zu bergen. Er hatte ja keine Ahnung, was sich die hinterlistige Frau für ihn ausgedacht hatte. Ihr Plan war es nämlich, den kleinen Heini so lange graben zu lassen, bis er erst am anderen Ende der Welt wieder das erste Tageslicht erblicken sollte. Dann fände er nicht mehr zurück, und die Alte könnte den Silbertaler für sich behalten.
Heini holte aus dem Schuppen seines Vaters einen Spaten, ging zu der besagten Stelle und fing an zu graben. Kaum hatte er eine Handbreit die Erde ausgehoben, stieß er auf etwas Hartes. Vorsichtig grub er mit seinen Händen weiter, um nichts zu beschädigen und legte somit eine Truhe aus edlem Holz mit goldenen Beschlägen frei. Als er sie öffnete, traute er seinen Augen nicht. Sie war voll gefüllt mit tausend und abertausend glänzenden Goldtalern. Es waren so viele, dass er sie gar nicht zählen konnte. So schnell er konnte, trug er seinen Fund zu sich nach Hause, umhüllte ihn mit einer Decke und schob den Goldschatz zur Aufbewahrung unter sein Bett.
Noch außer sich vor Freude, weihte er seine Eltern in sein Geheimnis ein und teilte mit ihnen redlich.
Danach ging er noch einmal zur alten Adeltrud, um sich bei ihr zu bedanken. Als sie den Knaben erblickte und von seinem Glück erfuhr, wurde sie kreidebleich, dann tobte sie außer sich vor Wut und raufte sich dabei ihre schwarzen Haare. „So war das nicht gedacht,“ keifte sie, „noch nie ist etwas eingetroffen, was ich vorhergesagt habe. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich doch selbst dorthin gegangen, um den Schatz zu bergen. Oh welch ein Elend über mir, oh welch ein Unglück.“
Dann eilte sie zur Glaskugel, griff sie mit beiden Händen und warf sie mit voller Wucht zu Boden, so dass sie in tausend kleine Glasstücke zerbrach. „Nie wieder werde ich weissagen,“ schimpfte sie, „von nun an werde ich meinen Unterhalt durch redliche Arbeit verdienen. Keiner soll mehr durch mich zu Reichtum gelangen, so lange ich lebe,“ schwor sich die Alte.
Der kleine Heini aber, wollte seinen Schatz solange aufbewahren, bis er zum Jüngling herangewachsen war. Dann wollte er von den vielen Goldtalern die ganze Welt bereisen und alle Abenteuer erleben, die das Leben ihm schenken könnte.



Ende


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