Gold und Silbersträhnchen



Als man der Königin die traurige Nachricht überbrachte, dass ihr geliebter Gatte sein Leben im Krieg verlor und er niemals mehr heimkehren würde, drückte sie in Tränen aufgelöst ihre beiden Kinder fest an ihr Herz. Sie musste nun all ihre Kraft zusammennehmen, das Land alleine regieren und für ihre beiden kleinen Töchter, die sie liebevoll Goldlöckchen und Silbersträhnchen nannte, Vater und Mutter zugleich sein. Sie war eine sehr schöne und warmherzige Frau, die aber durch den Verlust ihres Königs sich sehr einsam fühlte und nun all ihre Liebe und Fürsorge ihren Zwillingen schenkte.
Die Jahre vergingen, und die beiden Mädchen wuchsen schnell heran. Ihr fröhliches Lachen und ihre Unbeschwertheit ließen die Königin ihren Schmerz bald vergessen und sie hatte wieder Freude am Leben. Oft sah man die drei singend und tanzend im Schlosspark, und jeder der sie sah und hörte, erfreute sich an deren Gesang und an ihrer Schönheit.
Eines Tages rief die Königin ihre Töchter zu sich und sprach: „Meine geliebten Kinder, nächsten Monat werdet ihr euren sechszehnten Geburtstag feiern, und zu diesem großen Ereignis werde ich für euch einen Ball ausrichten. Ich werde alle Könige, Barone und Grafen mit deren Kindern aus unseren Nachbarländern einladen, dass sie mit euch euren Ehrentag feiern können. Lauft, sucht euch die schönsten Stoffe und Tücher aus unseren Kammern aus, bringt sie den Hofschneidern und lasst euch daraus die schönsten Kleider nähen die je ein Mensch gesehen hat“.
Überglücklich umarmten die Mädchen ihre Mutter und taten das, was die Königin ihnen aufgetragen hatte.
Dann kam der Tag, an dem die Zwillinge ihren Geburtstag feiern durften. Alle königlichen und adligen Gäste waren geladen, und alle sind sie gekommen.
Stolz stand die schöne Königin vor ihrem Thron, links von ihr stand Goldlöckchen in einem Kleid aus purpurrotem Samt und edler Seide und zu ihrer rechten Seite Silbersträhnchen, die sich ein Gewand aus himmelsblauer Spitze und feinstem Tüll nähen ließ. Freundlich begrüßten sie jeden einzelnen Gast, dann spielte die Musik auf, und die Königin ließ den Tanz eröffnen.
Die königlichen Prinzen der geladenen Gäste eilten schnell herbei, denn jeder wollte der erste sein, der den Eröffnungsreigen mit einer der anmutigen und bezaubernden Prinzessinnen tanzen durfte.
Noch beobachtete die Königin lächelnd die werbenden Gesten der jungen Männer, aber je später der Abend wurde um so unruhiger wurde sie. Etwas Fremdes, Bedrohliches und Unheimliches lag plötzlich über den festlich mit Blumen ausgeschmückten Saal. Sie sah argwöhnisch zu, wie Goldlöckchen und Silbersträhnchen einen Tanz nach dem anderen tanzten und sich dabei fröhlich und lachend in den Armen fremder, junger und gutaussehender Prinzen bewegten. Ja ihre Angst wurde so groß, dass sie meinte, keine Luft mehr zu bekommen, und sie sehnte sich nach dem Ende des Balls.

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Als die Turmuhr zur Mittenacht schlug, erklärte sie das Fest hastig für beendet, verabschiedete sich von ihren Gästen und verließ mit ihren Töchtern eilig den Saal.
Vor deren Schlafgemächern gab sie jeder von ihnen einen liebevollen und sanften Gutenachtkuss und eilte verstört in einen dunklen Raum, in dem sie nachdenken wollte.
„Was ist los mit mir, warum überkommt mich plötzlich solch eine Angst, und warum fühle ich mich auf einmal wieder so einsam wie einst, als man mir die Todesnachricht meines geliebten Mannes überbrachte?“ stellte sie sich immer wieder die Frage, konnte sie aber selbst nicht beantworten.
Sie setzte sich müde und kraftlos in einen Sessel, zog eine wärmende Decke über ihre Schultern und schlief kurze Zeit darauf ein.
Sie träumte davon, dass Goldlöckchen und Silbersträhnchen in wunderschönen weißen Brautkleidern ihr zum Abschied winkten und dann eine jede für sich mit einen fremden Jüngling in eine weiße Kutsche stieg und fortfuhr.
Schreiend und schweißgebadet wachte die Königin auf.
„Meine geliebten Kinder“, flüsterte sie aufgeregt, „was ist, wenn eine sich in einen Prinzen verliebt hat oder sogar beide? Sie werden mich verlassen, in ferne Länder ziehen. Werde ich sie jemals wiedersehen, und was wird dann aus mir? Ich habe ihnen alle meine Liebe gegeben, was bekomme ich jetzt dafür? Bleibt mir nur die Einsamkeit?“
Die schöne Königin steigerte sich so sehr in ihre Angst hinein, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und sich der Schleier des Wahnsinns über die arme Frau legte. In ihrer Verwirrtheit schmiedete sie einen grausamen Plan, den sie eines Tages bitter bereuen sollte.
Im Schloss schliefen alle tief und fest, denn das Morgengrauen ließ noch auf sich warten. Und diese Situation wollte sich die Königin zu eigen machen und ging eiligst an die Arbeit, denn sie hatte nur noch wenige Stunden Zeit.
Tief unten im Kellergewölbe des Schlosses, so erinnerte sich die Königin, lag ein altes Buch vergraben, das sie unbedingt finden musste. Es war das Buch der Hexerei und des Zauberns. Kein Mensch sollte es jemals in den Händen halten, denn dieses Werk, so sagte man, wurde mit dem Blut des Satans geschrieben.
Sie stieg hastig die Steintreppe zum Keller herab und grub mit bloßen Händen an der Stelle, wo sie dieses Teufelswerk vermutete. Ihre Bemühungen waren nicht umsonst, denn nur Minuten später hielt sie das verstaubte Buch in ihren Händen. Eiligst brach sie das Siegel und blätterte in den Seiten bis sie fand, nach dem sie suchte. Sie prägte sich jedes Wort genau ein, schloss das Siegel wieder und legte das Buch an seinen alten Platz zurück, bedeckte es mit Erde und verließ das Kellergewölbe.
Ihr blieb noch ausreichend Zeit, um ihren teuflischen Plan in die Tat umzusetzen.
Zuerst mischte sie mit den Zutaten, die sie aus dem Buch noch im Gedächtnis hatte, ein hochwirksames Gift, das jeder, der mit dem Gift in Berührung kam, sofort tot zu Boden fiel und sein menschlicher Körper sich in eine Blume verwandelte.

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Dann zerschlug sie einen Spiegel, entnahm eine kleine Scherbe und tränkte diese mit der tödlichen Flüssigkeit.
Hoch oben im Turmzimmer des Schosses befestigte sie geschickt die vergiftete Scherbe hinter dem Fenstergriff, so dass niemand sie sehen konnte, sich aber unweigerlich an ihr schnitt, sobald man versuchte, das Fenster zu öffnen.
Dann eilte sie hinunter in die Küche, um für die Prinzessinnen ein zweites Zaubergemisch vorzubereiten. Als dieses vollbracht war und sie aus der Ferne den Morgenschrei des Hahnes hörte, schenkte die Königin für ihre beiden Töchter zwei Gläser mit köstlicher, warmer Milch ein und gab in jedes Glas drei Tropfen von dem Gebräu hinzu.
Sie stellte die beiden Gläser auf ein silbernes Tablett, legte noch Honigbrötchen dazu und dekorierte alles liebevoll mit duftenden Blütenblättern.
Leise klopfte sie an den Türen ihrer Kinder, wünschte ihnen einen guten Morgen und reichte jeder ein Milchglas. Als diese sich ihren Schlaf aus den Augen gerieben hatten und von der vergifteten Milch tranken, verloren sie sofort ihre menschliche Gestalt und verwandelten sich in zwei wunderschöne Schmetterlinge. Einer von ihnen war purpurrot und hatte am unteren Flügel ein kleines goldenes Krönchen, und der andere Schmetterling trug ein silbernes auf einem seiner himmelsblauen Flügel.
Mit flinken und geschickten Händen fing die Königin die beiden Tierchen ein und brachte sie vorsichtig in das Turmzimmer, in dem sie zuvor das Fenster präpariert hatte. Erst dort ließ sie die Schmettrelinge wieder frei.
Die Königin drehte sich in ihrem Wahn vor Freude im Kreis und sang verzückt ein Zauberlied:
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„Niemals werden wir uns trennen,
niemals wird das je gescheh`n,
denn eure Schönheit wird kein Prinz erkennen,
soll lieber sterben, als mit euch durch diese Türe geh´n.
Nur ein Schluck vom Morgentau
gibt euch zurück die menschliche Gestalt,
doch das Fenster bleibt verschlossen,
ist nicht zu öffnen, auch nicht mit Gewalt.“
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Dann verabschiedete sich die Königin von ihren verzauberten Kindern und versprach ihnen: „Habt keine Furcht, meine Lieblinge. Ich werde euch jeden Tag besuchen, dann wird alles so bleiben wie es ist“.
Sie verschloss die Tür und versteckte den Schlüssel in dem Saum ihres Kleides.
Von nun an sah man die Königin allein im Schlosspark spazieren gehen, und wenn sie jemand nach ihren Kindern fragte, gab sie zur Antwort: „Goldlöckchen und Silbersträhnchen haben solch eine feine Haut, dass sie das Sonnenlicht meiden müssen. Des Nachts, wenn alle schlafen, gehen sie gemeinsam durch den Park, denn nur so sind sie vor der Sonne geschützt“.
Keiner zweifelte an ihren Worten, und niemand ahnte auch nur im geringsten, was mit den Prinzessinnen wirklich geschehen war.
So vergingen mehrere Wochen. Jeden Tag lief die Königin die vielen hundert Stufen hinauf zum Turmzimmer, um ihre Töchter zu besuchen. Dann erzählte sie ihnen was unten im Schloss geschah, und während sie sprach, setzten sich die beiden Falter, der eine auf die rechte Schulter der Königin und der andere auf ihre linke.
Dann, eines Tages hörte sie Pferdehufe auf dem Pflaster des königlichen Hofes und sah einen jungen Prinzen. Als er an das Tor klopfte und um Einlass bat, fragte die Königin nach dem Grund seines Besuches, und er sprach mit freundlichen Worten: „Königliche Hoheit, ich war vor wenigen Wochen auf dem Geburtstagsball der Prinzessinnen und habe mich beim Tanz in eure Tochter Goldlöckchen verliebt. Ich möchte um ihre Gunst werben und bitte euch um die Hand eurer Tochter“.
„Das soll mein Kind selbst entscheiden“, gab sie ihm forsch zur Antwort. „Folgt mir und begleitet mich ins Turmzimmer, in dem Goldlöckchen sich gerade zur Ruhe gelegt hat“.
Der ahnungslose Prinz folgte der geistig verwirrten Königin, und als er das Zimmer betrat, schloss sie hinter ihm blitzschnell die Tür ab, so dass der junge Königssohn in dem Raum gefangen war. Verwundert sah er sich um, konnte aber Goldlöckchen nirgendwo sehen. Als er aber die beiden Schmetterlinge erblickte, hatte er Mitleid mit den Faltern und wollte ihnen die Freiheit schenken.
Zielstrebig ging er zum Fenster, um es zu öffnen. Kaum hatte er den Griff berührt, verletzte er sich an der vergifteten Scherbe und sank tot zu Boden. Sekunden später verwandelte sich sein menschlicher Körper in eine wunderschönen Blume.
Die Königin, die hinter der Tür lauschend auf das verheerende Unglück wartete, öffnete die Tür, nahm die Blume und pflanzte sie in einen Topf aus Stein, der mit Erde gefüllt war.
Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und unterhielt sich mit den Faltern als wäre nichts geschehen.
Am nächsten Morgen traf ein zweiter Prinz ein. Auch er bat die Königin um die Hand ihrer Tochter, aber dieser hatte sich in Prinzessin Silbersträhnchen verliebt.
Und auch ihm gab sie zur Antwort, dass ihr Kind das selbst entscheiden sollte und führte ihn wie den ersten Königssohn zum Turmzimmer, wo ihm unweigerlich das gleiche Schicksal ereilte. Er erblickte die Schmetterlinge, schnitt sich am Fenstergriff und sank tot zu Boden. Seinen ebenfalls zur Blume gewordenen Körper pflanzte sie abermals in einen Steintopf.
Die Tage vergingen. Viele Prinzen kamen, und alle wurden sie Opfer der Königin. Im Turmzimmer standen nun schon mehr als zehn Blumen, eine schöner als die andere.
Dann endlich kam der Tag, der alles ändern sollte. Wieder stand die Königin am Fenster und schaute auf den Schlosshof. Sie sah ein stolzes, weißes Ross, auf dem ein junger, gutaussehender König saß. Auch er klopfte an die Tür und bat um Einlass. Aber als der junge König nicht um die Hand von Prinzessin Goldlöckchen oder Silbersträhnchen anhielt, sondern ihr gestand: „Nicht euren Töchtern gehört mein Herz, schöne Königin, sondern euch. Seit ich euch beim Ball das erste Mal gesehen habe, kann ich keinen Schlaf mehr finden, denn meine Gedanken sind Tag und Nacht nur bei der schönsten Frau, die ich je gesehen habe, daher bitte ich, werdet meine Königin und macht mich zum glücklichsten Menschen hier auf Erden“. Da wollte ihr Herz vor Freude fast zerspringen. Sie bat sich Bedenkzeit aus und verabschiedete sich mit den Worten: „Kommt morgen wieder, dann werdet ihr meine Antwort erhalten“.
Der junge König gab ihr sein Versprechen, setzte sich auf sein Pferd und ritt davon.
So schnell sie konnte, lief sie durch ihr Schloss in Richtung des Turmes, um den Prinzessinnen von dem glücklichen Geschehen zu erzählen. Als sie dort angelangt war und von dem jungen, schönen König berichtete, der um ihre Hand angehalten hatte, setzten sich zum ersten Mal die Falter nicht auf ihre Schultern, sondern saßen bewegungslos mit hängenden Flügeln auf einer der vielen Blumen, die einst Prinzen gewesen waren.
Dies blieb von der Königin völlig unbemerkt, und sie verließ verträumt in sich lächelnd das Turmzimmer, ohne sich über das Verhalten der Schmetterlinge Gedanken zu machen.
Am nächsten Morgen stand sie schon voller Ungeduld unter dem Schlosstor, um den König zu begrüßen. Als er endlich eingetroffen war und er sie nochmals fragte: „Nun schöne Königin, habt ihr euer Herz gefragt und werdet meine Frau?“ sank sie überglücklich in seine Arme und hauchte ein leises: „Ja!“
In diesem Moment fiel der Schleier des Wahnsinns von der Königin ab, und wie ein Blitz durchfuhr es ihren Körper, was sie ihren Kindern angetan hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie ihren Töchtern das Schönste, das ein Mensch erleben kann, nämlich zu lieben und geliebt zu werden, genommen hat. Ihr wurde auch bewusst, dass sie nicht das Recht hatte, ihre Kinder durch solch einen bösen Zauber für immer an sich zu binden und ihnen so die Freiheit zu nehmen.
Obwohl sie noch immer in den Armen des geliebten Mannes lag, wusste sie, was sie nun zu tun hatte.
Langsam löste sie sich aus seiner Umarmung, sah ihn mit traurigen Augen an und sagte mit leiser, aber fester Stimme: „Verzeiht mir. Ich kann nicht eure Frau werden, denn ich habe etwas Schreckliches getan, das ich nun wieder gutmachen muss.“
Sie drehte sich um, ohne noch einmal zurückzuschauen und lief zum Turm. Ihre Beine wurden schwer und schwerer, als sie die vielen Stufen zum Turmzimmer hinaufstieg. Aber es gab für die Königin kein Zurück. Sie holte den Schlüssel aus dem Saum ihres Kleides und öffnete die sperrige Holztür.
„Meine geliebten Kinder“, rief sie mit trauriger Stimme, „bitte verzeiht mir. Ich hatte nicht das Recht zu tun, was ich getan habe. Ich hoffe nur, ihr könnt mir eines Tages vergeben“.
Dann ging sie auf das Fenster zu, streckte ihren Arm aus und umfasste mit aller Kraft, die sie besaß, den Fenstergriff mit der vergifteten Scherbe. Noch während sie der Schmerz durchfuhr, riss sie das Fenster auf und rief: „Fliegt, fliegt so schnell ihr könnt und trinkt vom frischen Morgentau“.
Dann fiel sie tot zu Boden, und ihr Körper verwandelte sich in eine blutrote Rose, an deren Stiel viele Dornen zu finden waren.
Schnell flogen die Schmetterlinge in die Freiheit, und als Goldlöckchen und Silbersträhnchen wieder ihre menschliche Gestalt zurückerhalten hatten, gingen sie schweigend zurück ins Turmzimmer.

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Traurig brachten sie all die Blumen, die einmal junge, stattliche Männer waren und wegen ihrer Liebe zu ihnen ihr Leben lassen mussten, in den Garten des Schlosses und pflanzten sie liebevoll zusammen in ein Blumenbeet. Inmitten dieses Blumenmeers ragte die Rose heraus, die einst ihre Mutter gewesen war.
Dann, nachdem beide Geschwister sich weinend umarmten und beschlossen haben, diesen Unglücksort für immer zu verlassen, um all den Schmerz zu vergessen, sollten sich ihre Wege trennen. Sie wollten ein besseres Leben in der Fremde finden.
Jahre später trafen sich Goldlöckchen und Silbersträhnchen wieder. Beide hatten ihr großes Glück und ihre wahre Liebe gefunden. Goldlöckchen wurde die Frau des Königs von den silbernen Wäldern, während Silbersträhnchen die Frau des Königs von den goldenen Flüssen wurde.
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Ende
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Copyright: GiTo

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