Flusi, der kleine Wicht aus dem All


Es machte tipp, es machte tap, dann wieder tipp und wieder tap.
Ein kleiner, grüner Wicht mit großen Ohren und viel zu großen Füßchen schlich sich vorsichtig durch das hohe Gras.
Fröhlich sang er vor sich hin:
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„Ich bin der kleine Flusi,
Lupulus so nennt man mein Planet.
Ich hatte eine lange Reise
und möchte gerne wissen, wie es den Menschen hier auf Erden geht.
Bei uns Zuhause ist man immer lieb und nett,
wir essen morgens brav ein Müsli, und gehen abends früh zu Bett.
Nun möchte ich gern sehen, wie die Menschen es hier machen,
vielleicht wird es ja lustig, vielleicht gibt es was zu lachen.

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So schwebte der kleine Kerl auf seiner flauschigen blauen Weltraumdüsenmatte über bunten Blumen und saftigem Grün, bis er vor einem Ding Halt machte, das er zuvor noch nie gesehen hatte.

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„Es ist nicht rund und auch nicht eckig, hat keine Augen und keine Ohren, keine Arme und keine Beine“, dachte sich Flusi, „das könnte die Behausung eines Menschen sein“ und machte sich daran, es etwas genauer zu betrachten.
Vorsichtig und zögernd klopfte er daran und fragte: „Hallo, ist jemand zu Hause?“
Doch Flusi bekam keine Antwort. Abermals klopfte er an, aber dieses Mal schon etwas heftiger und ungeduldiger.
„Hallo, bist du nicht zu Hause, oder möchtest du dich nicht mit mir unterhalten. Ich heiße Flusi und bin in guter Absicht zu euch hier auf die Erde gekommen. Ich möchte gerne wissen, wie ihr so lebt, und was ihr den ganzen Tag so treibt“.
Abermals antwortet das fremde Wesen dem Flusi nicht, denn der konnte ja nicht wissen und ahnen, dass er vor einem Ei stand. Einem Hühnerei.
Schulterzuckend und etwas enttäuscht wollte sich Flusi schon abwenden und seine Suche nach den Menschen fortsetzten, als er aus dem inneren des Eis ein leises Klopfen und Piepen hörte.

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Zuerst ganz zaghaft, dann immer stärker. Gespannt schaute der grüne Wicht dem Treiben zu, bis nach kurzer Zeit das Ei in die Brüche ging und ein kleines Küken herausschlüpfte.
Es lag noch ganz feucht und schwach auf dem weichen Moos, als Flusi mitfühlend und auch etwas schuldbewusst sagte:
„Oh Verzeihung, ich habe dich wohl gerade beim baden gestört, es ist mir sehr unangenehm und peinlich, aber bitte sei nicht böse, ich habe noch nie zuvor einen Menschen gesehen und war einfach zu aufgeregt und wohl etwas zu ungeduldig“.
Nachdem die Sonne das Neugeborene gewärmt und sein Flaumenkleid getrocknet hatte, hoppelte es mit seinen noch schwachen Beinchen auf den überraschten Flusi zu und rief: „Mama Mama“ und immer wieder „Mama Mama“.
Jetzt dämmerte es dem grünen Wicht, wobei er gerade Zeuge geworden ist. Er hatte die Geburt eines Menschen erlebt.
„Hier auf der Erde werden die Menschen aus ovalen Behältern geboren“, dachte er gerührt und näherte sich vorsichtig dem kleinen zarten Wesen.
„Aber ich bin doch nicht deine Mama“, sagte mitleidig Flusi zu dem Küken und setzte es vorsichtig auf seine Weltraummatte. „Komm, begleite mich ein Stück, dann können wir gemeinsam nach ihr suchen“.
Wenige Meter weiter stand ein großes, kauendes Tier auf der Wiese, das Flusi für einen Menschen hielt.

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„Entschuldige bitte“, sagte der kleine Wicht respektvoll „bist du ein Mensch und die Mutter von dem Kleinen hier?“
„Muh“ ertönte eine kräftige laute und tiefe Stimme, „ich bin keine Mensch und auch nicht die Mutter dieses Winzlings. Hat es etwa vier Beine wie ich, hat es Hörner wie ich oder gar ein Euter? Da musst du weitersuchen, ich kann dir da nicht helfen“, sagte die Kuh, drehte ihm sein Hinterteil zu und trottete gemächlich davon.
„Machen wir uns weiter auf die Suche“, seufzte Flusi und schaute seinen kleinen Wegbegleiter traurig an.
Etwas später trafen sie auf einen Hund.
„Hallo, bist du ein Mensch und die Mama von meinen kleinen Freund hier?“ fragte abermals der Wicht und musste sich erschrocken anhören: „Wau wau und nochmals wau, ich bin kein Mensch, und so etwas, wie den kleinen gelben Zwerg dort, jage ich normalerweise. Hat der etwa eine Rute wie ich, kann der mit den Zähnen fletschen, oder kann der so laut bellen wie ich?“ kläffte der Hund die beiden an, drehte sich um und rannte davon.
„Was sind denn das für herzlose Sitten hier auf der Erde“, dachte sich erschüttert Flusi und schaute besorgt auf das Küken.
„Wir geben nicht auf bis wir deine Mama gefunden haben“, sprach er tröstend auf das kleine gelbe Flaumenknäuel ein und streichelte liebevoll über sein kleines Köpfchen. Dann setzte er schon etwas entmutigt die Suche nach einem Menschen und der vermissten Mutter fort.
Als sie vor einer Katze Halt machten, traute sich der kleine Flusi sie schon gar nicht mehr zu fragen, ob sie ein Mensch sei und somit auch die Mutter von dem Küken, sammelte aber all seinen Mut zusammen und stammelte:
„Bis du ein Mensch und die Mama von dem Kleinen hier?“
„Miau miau ich bin kein Mensch und schon gar nicht die Mutter von deinem Findelkind“, empörte sich die Katze und machte einen riesigen Buckel.
„Kann es etwa schnurren wie ich, Mäuse fangen und jagen, oder kann es seine Krallen ausfahren wie ich? Geht nur weiter auf die Suche und lasst mich in Ruhe“, fauchte sie und machte einen riesigen Sprung hinauf auf einen Baum. Von dort aus schaute sie kopfschüttelnd den beiden, die unverrichteter Dinge ihre Suche fortsetzten, nach.
„Gack gack gack“, hörte der kleine grüne Wicht mehrere ihm noch unbekannte Stimmen in unmittelbarer Nähe eines Verschlages, und das Küken rief ganz aufgeregt: „Mama, da ist Mama............“
Flügelschlagend und freudig aufgeregt kam ein Huhn auf die beiden zugerannt: „Mein Baby mein Kind mein Sonnenschein“, gackerte die Henne und drückte behutsam ihr kleines Küken an ihr Mutterherz.
„Schön, dass ich dich gefunden habe“, sagte erleichtert Flusi, „nun durfte ich gleich zwei glückliche Menschen kennen lernen“.
„Menschen, wieso Menschen?“ fragte verwundert das Huhn, „wir sind Tiere und keine Menschen“.

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Da erzählte Flusi der Henne, wer er ist, woher er kam, und dass er einmal einen richtigen Menschen sehen wollte.
„Dir kann geholfen werden“, sagte die Glückliche, „übernachte heute mit uns im Hühnerstall, und am frühen Morgen, wenn der Hahn drei mal gekräht hat, kannst du dann echte Menschen sehen“.
Gesagt getan. Flusi machte es sich, so gut es ging, zwischen den Hühnern gemütlich und verbrachte mit ihnen die Nacht.
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„Jetzt“, sagte die Henne „jetzt schau vorsichtig hinaus, da stehen der Bauer und die Bäuerin. Sie füllen unsere Troge mit frischem Wasser und leckeren saftigen Körnern“.

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„So sieht also ein Mensch aus“, stellte Flusi erstaunt fest. „Er hat zwei Augen wie ich, zwei Arme und Beine wie ich, ist nur viel größer, und mit seinen kleinen Ohren und den kleinen Füßchen sieht er richtig putzig aus“.
Flusi bedankte sich bei den Hühnern und rief freudig: „Nun kann ich die Heimreise zu meinem Planeten antreten und von meinen Erlebnissen und all den Tieren und ihren Menschen hier auf der Erde berichten“.

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Ende 


 
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