Die verzauberten Königskinder



Es waren einmal zwei Königskinder, die sich ineinander verliebt haben. Das Schloß der Prinzessin Lana stand im Süden des Landes und wurde von ihrem Vater, einen weisen und tapferen König, regiert. Das Schloß des Prinzen Ralph dagegen im lag Norden. Dessen Vater war ein gutmütiger und weiser König. Beide Väter wünschten sich, daß ihre Kinder einmal heiraten würden und somit die beiden Reiche zu einem geschlossen werden konnte. Schon als Kinder, in den Ferien, wurden der Prinz und die Prinzessin zusammengeführt, daß sie sich näher kennenlernen konnten. Beide verstanden sich sehr gut, und es dauerte auch nicht lange, bis sie sich ineinander verliebten. Der Hochzeit stand nun nichts mehr im Wege, und die beiden Völker hatten damit zu tun, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten.
Es war wieder einmal Sommer, und Lana war zu Gast im Königreich des Nordens. Die beiden Verliebten gingen Hand in Hand im Schloßpark spazieren, als Lana den Vorschlag machte, unten im Waldsee schwimmen zu gehen. Ralph willigte freudig ein, und sie liefen laut lachend zum See. Dort angekommen, zogen sie sich ihre Kleider aus und sprangen in das kalte Wasser.
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Sie schwammen ein wenig um die Wette, und anschließend bespritzten sie sich mit dem Wasser. Sie mußten laut lachen und fielen sich immer wieder in die Arme und liebkosten sich. Sie waren so sehr damit beschäftigt, daß sie gar nicht merkten, daß sie beobachtet wurden. Am nahegelegenen Wald stand eine böse Hexe. Die hatte ihre Behausung dort und herrschte über den ganzen Wald und dessen Tiere. Sie beobachtete die Königskinder schon eine ganze Weile und ärgerte sich darüber, daß ausgerechnet in ihrem See gebadet wurde. Sie ging auf die beiden zu und forderte sie mit krächzender Stimme auf, sich aus ihrem Wasser und aus ihrem Wald zu entfernen. Die beiden Königskinder lachten die Hexe aus und sagten zu ihr: „Wir können baden wo wir wollen, und überhaupt, was heißt hier dein Wald und dein See.
Der Wald gehört dem König und der See auch. Mach dich von dannen und störe uns nicht weiter.“

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Das wollte die Hexe nicht auf sich beruhen lassen und keifte zurück: „Mein Fluch soll euch treffen. Im Morgengrauen wird euch das Lachen und Liebkosen vergehen. Winseln sollt ihr beide wie die Kreaturen im Wald, heulen werdet ihr wie die Wölfe und ängstlich sein wie die Rehe. Die Menschen werden euch meiden und man wird euch aus euren Schlössern verbannen.“
Die Hexe drehte sich um und verschwand im dunklen Wald.
Lana und Ralph sahen sich verwundert an und spielten im Wasser unbeschwert weiter.
Als der Abend dämmerte, machten sie sich auf den Heimweg ins Schloß und legten sich auch bald nieder, um zu schlafen. Keiner der beiden dachte mehr an die Alte, und sie freuten sich auf den nächsten Tag.
Die Hexe aber schwor in der Nacht die finsteren Mächte herauf und sprach ihren Zauberspruch über die Königstochter und den Königssohn. Sie hatte sich das Gemeinste und Gräßlichste ausgedacht, was eine Hexe herbeizaubern konnte. Jeder von ihnen sollte eine Hälfte ihres menschlichen Körpers verlieren und somit halb Mensch, halb Fabelwesen sein.
Der Hahn krähte, als der Morgen graute. Die Prinzessin, noch etwas müde, stieg aus ihrem Himmelbett und setzte sich vor den Spiegel, um ihr langes, blondes Haar zu bürsten. Sie schrie entsetzt auf, als sie ihr Spiegelbild sah. Die eine Gesichtshälfte war wie immer, aber die andere Seite sah aus wie eine Fratze. Sie war über und über mit Warzen besät, und tiefe Falten legten sich um ihre Augen,
Stirn und Mund. Sie schloß ihre Augen, weil sie dachte, sie träume noch. Aber als sie ein zweites mal in den Spiegel sah, wurde ihr klar, daß dies kein Traum war. Langsam, ganz langsam fielen ihr die Worte der bösen Hexe ein.
Sollte wirklich ein Fluch auf ihr liegen, und was ist mit ihrem Ralph? Hat ihn das gleiche Schicksal getroffen? Sie zog sich ein paar Tücher über den Kopf und rannte, so schnell sie konnte über den langen Flur zum Schlafzimmer des Königssohns. Sie klopfte kurz an und öffnete die Tür. Aber vom Ralph war nichts zu sehen, und sein Bett war leer. Ein Brief mit ihrem Namen lag auf dem Tisch, mit den Worten: „ Liebe Lana, der Fluch der Hexe hat mich getroffen. Du kannst mich nie mehr wiedersehen. Lebe wohl und behalte mich in deinem Herzen.“

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Lana hatte Angst vor den spottenden Blicken der Dienerschaft und schämte sich so sehr vor ihrem Vater, daß sie den Entschluß faßte, das Schloß zu verlassen und in den Wald zu flüchten, um dort zu leben. Sie verhüllte ihren ganzen Körper und schlich sich fort. In beiden Königshäusern war große Aufregung, als man von dem Verschwinden der Königskinder hörte. Alle machten sich auf die Suche, aber vergebens, keiner der Bediensteten und Untertanen hat sie jemals wiedergesehen.
Tief im dunklen Wald hatte sich Lana eine Hütte aus Zweigen und Geäst hergerichtet. Sie ernährte sich von Beeren und Kräutern, wurde immer schwächer und kränkelte. Immer wieder dachte sie an Ralph und wie es ihm wohl ergangen sei. Sie weinte jeden Tag und trauerte ihrer großen Liebe nach. Eines Nachts, als Lana auf ihrem Strohlager schlief, wachte sie durch ein seltsames Geräusch auf. Es war, als wenn der Wind heulte. Es wurde immer lauter. Sie stand auf und schaute nach draußen in die Nacht. Es war eine Vollmondnacht. Das Heulen kam nicht vom Wind, das mußte.......... ja, das mußte ein Wolf sein. Lana hatte große Angst und schrie laut um Hilfe, doch das Geheul kam immer näher. Sie schrie so laut sie konnte aber hörte als Antwort nur ihr eigenes Echo.
Sie erstarrte als ein riesiger grauer Wolf mit fletschenden Zähnen vor ihr stand.
Lana schloß, die Augen und weinend betete sie: „Wenn es denn sein muß daß ich nun sterbe, laß mich bitte schnell sterben.“
Der Wolf setzte gerade zum Sprung an, als die Büsche auseinander peitschten und ein großes Pferd mit feuerroter Mähne und mit erhobenen Vorderbeinen auf den Wolf zusprang. Der Wolf drehte sich blitzschnell um und biß sich am Bein des Pferdes fest. Aber das Pferd war stärker. Es konnte den Wolf abschütteln und mit seinen starken Hufen töten.
Die Prinzessin stand da wie versteinert. Sie konnte noch immer nicht fassen, was da gerade passiert ist.
Als sie verstand, daß sie gerettet war, ging sie langsam auf das verwundete Pferd zu, um ihm seine Wunden zu versorgen. Sie nahm ihr Kopftuch ab, tränkte es mit Wasser und legte es dem Pferd auf seine Wunden.
Silbernes Mondlicht erhellte ihr Gesicht. „Lana, mein Herz,“ hörte sie eine ihr vertraute Stimme sagen, „ich hätte nie gedacht, daß ich dich eines Tages wiedersehe.“ Lana wischte sich die Tränen aus ihren Augen und schaute direkt in Ralphs himmelblaue Augen. Der Oberkörper war von ihrem geliebten Ralph, und der Rest war der eines Pferdes. Die böse Hexe hatte ihn in ein halbes Tier verwandelt.

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Sie war so glücklich, daß sie ganz vergaß, ihr Gesicht zu verstecken. „Das hat also die Hexe aus dir gemacht,“ sagte Ralph, „und darum bist du aus dem Schloß geflohen. Bitte verhülle nicht dein Gesicht vor mir. Ich liebe dich so wie du bist, und ich verspreche dir, dich nie mehr zu verlassen. Ich will dich fortan beschützen und immer an deiner Seite bleiben.
Sie umarmten sich, und beide weinten sich vor Glück in den Schlaf.
Am anderen Ende des Waldes aber keifte und fluchte die böse Hexe, denn die große Liebe der beiden zueinander konnte den Zauber nicht aufrecht erhalten.
Als die Prinzessin und der Prinz am nächsten Morgen erwachten, war der Spuk vorbei. „Schau nur,“ sagte Ralph zur Lana, „du bist schöner denn je, und ich habe meine menschlichen Beine wieder.“ „Geliebter,“ entgegnete Lana, „laß uns schnell aus dem Wald verschwinden und aufs Schloß zurückkehren. Ich habe Angst, die Hexe kommt zurück und rächt sich an uns.“
Sie ließen alles liegen und stehen und rannten so schnell sie konnten durch den Wald, bis sie ans Schloß gelangten. Dort angekommen, berichteten sie dem König von der Hexe und deren bösen Zauber.
Der König sandte alle Jäger im Land aus und befahl, die Hexe aus dem Wald gefangen zu nehmen. Und es dauerte auch nicht lange, da wurde sie in Fesseln vor den König geführt. Die schrie und keifte, spuckte und fluchte, trat mit Füßen und stampfte, aber alle Gegenwehr war zwecklos. Man legte sie in Ketten und sperrte sie in den Kerker, bis sie eines Tages zum Tode verurteilt auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Nun stand der Hochzeit von Lana und Ralph nichts mehr im Wege. Als die Hochzeitsglocken erklangen, wurde im Land des Südens und des Nordens sieben Tage lang gefeiert. Alle sangen fröhliche Lieder, und alle freuten sich über die Heimkehr der Königskinder und deren königliche Hochzeit.
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Ende
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Copyright: GiTo
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Kommentare: 1
  • #1

    Gitta (Freitag, 25 Dezember 2015 07:50)

    ......in Guten und in schlechten Zeiten. Ein schönes Paar. LG Gitta