Die Königin der Nacht



Es war einmal ein wunderschöner Sommertag. Frau Sonne schickte alle ihre Sonnenstrahlen hinaus in die Welt und erfreute somit die Menschen und Tiere. Alles stand in voller Blüte, und die kleinen Bienen hatten alle Hände voll zu tun um von einer Blüte zur anderen zu fliegen. Die Vögel zwitscherten ihre schönsten Lieder, und die Kinder spielten auf den grünen Wiesen.
Jeder Sonnenstrahl hatte seine bestimmte Aufgabe. Die erwachsenen Strahlen waren für die Felder, Seen und Wälder bestimmt und die kleinen Sonnenstrahlen durften die Gärten und die Häuser der Menschen mit ihrem Licht erwärmen. Und Frau Sonne selbst paßte auf, daß alles seinen rechten Weg ging und daß keiner der Sonnenstrahlen Dummheiten machte.

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Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu, und alle Strahlen machten sich auf den Heimweg über die Himmelsleiter nach Hause, um neue Kraft für den nächsten Morgen zu tanken. Nur ein klitzekleiner Sonnenstrahl mit dem Namen Bino war so in seiner Arbeit vertieft, daß er gar nicht merkte wie schnell die Zeit verging. Er hatte die Aufgabe ein Blumenbeet zu erwärmen und hatte darüber vergessen, daß er abends pünktlich sich bei Frau Sonne zurückmelden mußte. Alle waren inzwischen zu Hause, als sich der Himmel schloß und die Nacht hereinbrach. Bino schaute erschrocken um sich und versuchte die Sprossen der Himmelsleiter noch zu erhaschen. Aber zu spät. Auf halbem Wege stürzte er ab und fiel in die Tiefe. Er fiel und fiel. Immer tiefer. Und je tiefer er fiel, um so dunkler wurde es um ihn, bis er nichts mehr erkennen konnte. Um ihn herum war nun alles schwarz. Er kannte keine Dunkelheit, denn er war ja ein Sonnenstrahl, und somit ergab er sich seinem Schicksal und harrte der Dinge, die da nun kommen würden.
Er landete schließlich etwas unsanft auf einer dunklen Wolke. Auf ihr lag eine wunderschöne, schlafende Frau. Der kleine Bino ging langsam und zögernd auf sie zu, um sie von der Nähe aus zu betrachten.

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Durch sein helles Licht, das er selbst ausstrahlte, wurde die Frau aus ihrem Schlaf aufgeschreckt und sah den Bino verwundert an. „Was machst du denn hier in meinem Reich?“ fragte sie, und er erzählte ihr, wo er herkommt und was ihm geschehen ist. Die Königin der Nacht machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und sprach: „Du befindest dich hier im Reich der Dunkelheit. Hier gibt es kein Licht. Bei uns herrscht ewige Nacht, aber fürchte dich nicht, wenn du gewillt bist, mir zu dienen, werde ich dir helfen, in das Reich der Sonne
zurückzukehren.“
Der kleine Bino fragte, was er zu tun hätte, und die Königin antwortete: „Ich brauche einen Teppich, auf dem ich gehen kann. Den sollst du mir anfertigen, und wenn du damit fertig bist, werden wir weiter sehen.“
Sie nahm den kleinen Sonnenstrahl an die Hand und führte ihn zu einem großen schwarzen Berg.
„Hier hast du einen Pickel und eine Schaufel. Zerkleinere mir den Berg in millionen kleine Stücke und stecke dann in ein jedes deinen Finger hinein. Wenn du damit fertig bist, werfe jeden einzelnen kleinen Stein in die Nacht hinaus,“ sprach die Königin und ließ den kleinen Bino allein mit seiner Aufgabe.
Der machte sich sofort an die Arbeit. Als er den ersten Brocken aus dem Berg herausgeschlagen hatte, tat er wie ihm die Königin geheißen hat und steckte seinen Finger in den Stein. In diesem Moment leuchtete er auf und strahlte wie eine kleine Laterne. Dann warf er den Stein in die Nacht, wo er irgendwo im Nichts hell leuchtend liegen blieb. „Oh, das macht Spaß“, jubelte Bino und machte sich weiter freudig an seine Aufgabe.
Viele Jahre vergingen. Der kleine Sonnenstrahl hatte den ganzen großen Berg aufgearbeitet, und wo er auch hinschaute, überall lagen seine hell erleuchteten Steine.
Die Königin holte den Bino zu sich und sprach:
„Du hast meinen Teppich wunderschön gemacht. Ich danke dir. Solch einen Lichterteppich habe ich mir immer gewünscht. Nun soll auch dein Fleiß belohnt werden. Ich habe mit dem Mond gesprochen. Er trifft sich des öfteren mit Frau Sonne. Die Menschen sprechen dann von einer Sonnenfinsternis. Wenn du bereit bist, kannst du mit ihm auf die Reise gehen, und in ein paar Monaten wirst du dann zu Hause im Sonnenreich sein.“
Es dauerte gar nicht lange, als der runde Mond die Königin der Nacht besuchte und den kleinen Bino aufforderte, mit ihm die Reise zu Frau Sonne anzutreten. „Hurtig, hurtig,“ rief der Mond dem Bino lachend zu. „Wir werden auf unserem Weg viel Spaß haben. Und wenn du mich ab und zu ein wenig kitzelst, werde ich dir ein paar Kunststückchen von mir zeigen.“
Bino verabschiedete sich von der Königin und setzte sich auf den Mond. Winkend verließen beide das Reich der Dunkelheit. Sie waren schon einige Zeit unterwegs, als der Mond sagte: „Siehst du dort oben am Himmel die vielen kleinen leuchtenden Lichter? Das ist dein Werk. Diesen Teppich hast du für die Königin angefertigt. Die Menschen nennen ihn Sternenhimmel.“ „Dann war ja meine Unvorsichtigkeit nicht ganz umsonst,“ sagte Bino, „ so konnte ich etwas Gutes tun und habe auch das Reich der Finsternis, die Königin und dich kennenlernen dürfen.“ „Ja, es hatte auch etwas Gutes,“ sagte der Mond, „aber es wird nun an der Zeit, daß du mich etwas kitzelst.“ Bino holte mit seinen Ärmchen kräftig aus und bohrte seine Finge in die Seite des Mondes. Der fing laut an zu lachen und zog blitzschnell seinen Bauch ein. Wie von Zauberhand sah jetzt der Mond ganz anders aus als sonst.
Er hatte so sehr an Umfang verloren, daß man nur noch die Hälfte von ihm sah.
„Wenn mich die Menschen so sehen, reden sie vom Halbmond,“ kicherte er. „Und wenn ich nicht lachen muß und ich wieder rund bin, sagen sie, ich wäre der Vollmond, ist das nicht lustig?“ „Oh ja, sagte Bino,“ dann werde ich dich mal kitzeln und mal nicht, dann haben auch die Menschen was zu lachen.“
So verging die Zeit für die beiden wie im Flug. Mal sangen sie Lieder, mal kitzelte der Bino den Mond oder der erzählte dem Kleinen Geschichten von den Menschen und Tieren.
„Heute ist der Tag, an dem ich mich mit Frau Sonne treffen werde,“ sagte der Mond zu Bino. „Bald wirst du wieder zu Hause sein, freust du dich schon?“
„Ja,“ sagte der, „ich habe Freunde gefunden und viel erlebt, aber zu Hause ist eben doch zu Hause.“
Frau Sonne stand hoch am Himmel, und die anderen Sonnenstrahlen waren auf der Erde, um ihr Licht und ihre Wärme zu verbreiten. Langsam, ganz langsam schob sich der Mond vor die Sonne und lieferte seinen kleinen Gast ab.
Sie herzte ihren Bino und der plapperte von seinen Erlebnissen und seinen Freunden und war so aufgeregt vor Freude, endlich wieder zu Hause zu sein, daß er gar nicht merkte, daß sich der Mond schon wieder verabschiedet hat und alleine weiter auf seine Reise ging. Er winkte Frau Sonne und dem Bino noch von weitem zu und verschwand dann hinter einer großen Wolke.
Traurig sah der kleine Sonnenstrahl den lustigen Mond nach, als die Sonne zu ihm sprach:“ Sei nicht traurig Bino, der Mond kommt in ein paar Jahren wieder zu Besuch, dann wirst du deinen Freund wiedersehen.“

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Ende
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