Die Hexe Krakele



„Krakele, habe ich dir nicht schon tausendmal befohlen, du sollst von deinen bösen Zaubereien ablassen, dich von den schwarzen Magien und den dunklen Mächten, die dich umgeben, lösen?“ fragte wütend König Ferdinand die Hexe. „Was soll ich nur mit dir machen? Willst du wirklich auf dem Scheiterhaufen enden wie schon die vielen anderen Hexen vor dir?“
Krakele kniff ihre giftgrünen Augen zusammen und spielte gelangweilt mit ihren feuerroten Haaren.
„Wir wäre es denn, wenn ich euch zur Abwechslung einmal drohe, königliche Hoheit?“ zischte Krakele zurück, „wie wäre es, wenn ich euch in eine Kröte ja noch besser in einen jämmerlichen Wurm verwandele und euch dann langsam zertrete? Glaubt ihr, ich habe Angst vor einem König, der über ein Volk regiert, das nur aus Pöbel und dem armseligen Mob draußen vor euren Schlosstoren besteht?“
König Ferdinand lief puterrot vor Wut an und brüllte so laut durch sein Schloss, dass man es bis hinunter zum Dorf hörte:
„Du hast deine Grenzen soeben überschritten und dein eigenes Todesurteil gefällt!“
Dann rief er die Wachen und befahl ihnen: „Ergreift die Hexe, fesselt und knebelt sie und schafft mir das Weib aus den Augen hinunter zum Scheiterhaufen. Noch in dieser Stunde soll sie brennen! Ich selbst werde das Feuer anfachen und ihrem schändlichen und verruchten Treiben ein Ende bereiten.“
Die Wachen taten, was ihnen der König befohlen hatte, und schleiften die Hexe hinaus auf den königlichen Hof. Dort banden sie Krakele an einen hölzernen Pfahl und breiteten das Feuerholz zu ihren Füßen aus.
Als dann der König mit einer brennenden Fackel in seiner Hand vor sie trat und fragte: „Hast du noch irgendetwas zu sagen?“ spuckte sie vor ihm aus und keifte:
„Sage es deinen Kindern, und die sollen es den ihrigen erzählen, dass ich wiederkommen werde. Du glaubst du, könntest dich durch meinen Tod von mir befreien, aber da irrst du. Ich werde mich an deinen Kindeskindern rächen, und meine Rache wird grausamer sein, als du es dir je vorstellen kannst“.
.
.
Beide sahen sich tief in die Augen als er langsam seinen Arm, in dem er die hell lodernde Fackel hielt, herab ließ und das Brennholz mit deren Feuer entfachte.
Als die Flammen unter der Hexe lichterloh brannten, hörte man noch immer ihre drohenden Schreie: „Ich komme wieder, denke daran, ich komme wieder!“
Dann, nach wenigen Minuten, war der Spuk vorbei, und übrig von ihr blieb nur ein kleiner Haufen mit Asche.
Zweihundert Jahre sind seitdem vergangen. Viele Könige und Königinnen saßen inzwischen auf Ferdinands Thron. Alle kamen und gingen, wurden geboren und starben eines natürlichen Todes, wenn ihre Stunde gekommen war.
Man schrieb das Jahr 1620.
Es war die Zeit, als der junge König Roland und seine Frau Katharina über das Land und sein Volk regierte.
Des Königs Schwester Prinzessin Agnes war mit dem König des Nachbarlandes verheiratet, und alle hatten ein herzliches und liebevolles Verhältnis zueinander.
Als Katharina ihrem Gatten berichtete, dass sie sein Kind unter ihrem Herzen trägt, war die Freude groß, und man lud alle zu einem festlichen Ball ein.
Knechte und Mägde, Hofdamen und Diener, Bauern und Edelmänner waren gekommen und feierten mit der Königsfamilie die bevorstehende Geburt ihres ersten Kindes, das später einmal die Thronfolge antreten sollte.
Als der Tag gekommen war, schenkte Katharina ihrem Gemahl einen gesunden Sohn das Leben. Er nahm ganz vorsichtig den neugeboren Prinzen in die Arme und sagte überglücklich und mit stolzgeschwellter Brust zu seiner Frau:
„Du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das man einem Menschen geben kann. Ich danke dir von ganzem Herzen“.
„Wie wollen wir ihn nennen?“ fragte Katharina ihren Roland und schaute ihn mit strahlenden Augen an. „Franz soll er heißen“, flüsterte der König während er seinen Sohn sanft hin und her wiegte.
Zwei weitere Jahre sind ins Land gezogen. Der kleine Prinz wurde von allen geliebt, denn durch seine wonnige Art und sein strahlendes Lachen hatte er die Herzen aller erobert.
Auch Agnes, die Schwester von König Roland, sollte nun ihr erstes Kind bekommen, und schon bald darauf erblickte ihr kleines Mädchen, Prinzessin Clarissa, im Nachbarland das Licht der Welt.
Als Agnes das Baby innig und liebevoll betrachtete, fiel es ihr auf, dass es anders aussah als all die Vorfahren der königlichen Familie, denn es hatte rotblonde Haare und grüne Augen. Aber sie machte sich deswegen keine Sorgen und verschwendete auch darüber keinen weiteren Gedanken.
Sooft die Zeit es erlaubte, besuchten sich gegenseitig die beiden jungen Mütter, damit die Kinder zusammen spielen konnten, denn schließlich waren sie ja Vetter und Base.
Franz entwickelte sich zusehends zu einem lebensfrohen und rechtschaffenen kleinen Knaben, während Prinzessin Agnes voller Sorge die Entwicklung ihrer Tochter Clarissa mit ansehen musste.
Clarissa war zwar wunderschön, aber anders als die anderen Kinder ihres Alters. Sie war in sich gekehrt, ließ keinen anderen Menschen an sich heran und nahm an keiner der Aktivitäten, die im Schloss stattfanden, teil. Ihre meiste Zeit verbrachte sie zu Hause ganz allein oben im finsteren Dachgewölbe des elterlichen Schlosses, wo sie in vergangener Zeit einen alten, großen Spiegel fand. Vor ihm saß sie stundenlang, schaute mit leeren und kalten Augen in das alte, verstaubte Glas, und auf ihrem Gesicht konnte man ein unheimliches Lächeln, das eher einem höhnischem Grinsen glich, erahnen.
Nur wenn Franz sie besuchte, blühte die Prinzessin auf. Sie hielt fest seine kleine Hand und wich nie von seiner Seite. Dann plapperte sie munter darauf los, und gelegentlich konnte man auch ihr helles Kinderlachen hören.
„Sind sie nicht ein hübsches Paar?“ fragten sich oft Agnes und Katharina, wenn sie dem spielerischem Treiben ihrer beiden Kinder zusahen.
Aber schnell verging ihre Kinderzeit, und der kleine Franz ist zu einem stattlichen und gutaussehenden jungen Prinzen herangewachsen. Auch Clarissa war weit über die Landesgrenzen hinaus für ihr Schönheit bekannt. Ihre rotblonden Haare leuchteten im Tageslicht, als würde man in die Abendsonne schauen, und ihre grünen Augen leuchteten dazu wie zwei funkelnde Smaragde.
Während die Eltern im Stillen hofften, die beiden würden sich eines Tages ineinander verlieben und heiraten, wurde von Franz und Clarissa nie ein Wort darüber gesprochen.
Als Prinz Franz seinem Vater offenbarte, dass er sich in eine Schönheit mit dem Namen Dimitra, die aus einem fernen Land weit hinter dem Ozean kam, verliebt habe und sie zu seiner Gemahlin auserwählt hätte, gaben ihm sein Eltern, König Roland und Königin Katharina, ihren Segen und stimmten der Heirat freudig zu.
„Aber was ist mit Clarissa“, wollte seine Mutter wissen, „wirst du ihr das Herz darüber zerbrechen?“
„Nein“, sagte Franz beruhigend zu Katharina, „Clarissa und ich sind wie Bruder und Schwester. Ich liebe sie auf eine andere Art, und ihr wird es wie mir gehen. Eines Tages wird auch sie den Mann ihres Lebens finden, ihn heiraten und mit ihm glücklich sein“.
Als Clarissa von den Heiratsplänen hörte, zog sie sich noch mehr zurück als je zuvor. Nun verbrachte sie den ganzen Tag vor dem geheimnisvollen Spiegel dort oben im Dachgewölbe, bürstete ihr langes, rotes Haar und lächelte immer wieder in ihn hinein und murmelte ein paar unverständliche Worte. Und manchmal blieb sie auch die darauffolgenden Nächte dort.
Als die Zeit der Hochzeit nahte, sprach König Roland zu seinem Sohn: „Ich habe das Land nun lange genug regiert, ich bin müde und alt geworden. Am Tag deiner Vermählung sollst du nun auch meine Krone übernehmen und König über unsere Untertanen werden“.
Hell läuteten alle Hochzeitsglocken an dem Tag, an dem nun Franz seine schöne Braut zum Altar führte und er anschließend Krone und Zepter seines Vaters übernahm. Nun war er König, König über ein ganzes Land und dessen Volk und glücklich, weil er mit seiner großen Liebe für immer vereint war.
Alle geladenen Gäste gratulierten dem jungen Brautpaar und übergaben ihre kostbaren, mitgebrachten Geschenke.
Auch Clarissa war gekommen, noch schöner wie eh und je. Sie schaute der jungen Braut tief und fest in die Augen, dass dieser angst und bange wurde, dann sagte sie mit leiser und höhnischer Stimme zu ihr, so dass es keiner der anderen Anwesenden hören konnte: „Meinen herzlichen Glückwunsch, euer Hoheit. Passt nur gut auf, dass ihr euer Glück recht lange genießen könnt. Eine alte Sage berichtet, dass die Zeit gekommen ist, ein altes Versprechen einzulösen“.
Dann verließ Clarissa das Fest und ließ sich dort am Hofe nie mehr sehen.
Die junge Frau hatte nicht den Mut, über diesen Vorfall mit ihrem Gatten zu sprechen, deshalb behielt sie die Sache für sich, und mit der Zeit verblasste auch ihre Erinnerung daran.
Als der Tag kam und die junge Frau ihrem König Franz das Leben eines Sohnes schenkte, mischte sich unter die Freude über die Geburt auch große Trauer. Die schwache und nicht mehr zu Kräften kommende Dimitra ergriff noch ein letztes Mal die Hand ihres geliebten Mannes und flüsterte ihm zu: „Pass gut auf unseren Jungen auf, dass ihm nie ein Leid geschieht“, dann schloss sie für immer mit einem sanften Lächeln auf den Lippen ihre Augen.
Regungslos und voller Entsetzen über den Tod der jungen Frau stand die Königsfamilie vor dem Bett der Verstorbenen. König Franz, der seinen kleinen neugeborenen Sohn vorsichtig in seinen Armen hielt, war wie gelähmt und hatte das Gefühl, man wolle ihm sein Herz herausreißen. Er legte ein letztes Mal den Säugling, den er liebevoll nach einem seiner vielen Urgroßväter Ferdinand nannte, in die Arme seiner toten Mutter, damit auch er Abschied von ihr nehmen konnte.

.

.
Als Clarissa die Todesnachricht der jungen Königin erhielt, lief sie eiligst zu dem Spiegel, riss das staubige Tuch, dass ihn verhüllte, herunter und stellte sich lachend vor ihn.
Dann rief sie mit schadenfroher und schriller Stimme:
.
„Mein geliebter Spiegel, zeig mich wie in vergangenen Tagen,
kann diesen Anblick von der schönen Clarissa nicht länger ertragen.
Nur wir beide, wir wissen um mein Geheimnis und meinen tödlichen Bann,
habe ich erst einmal das Vertrauen des Königs,
komm ich mit List und Tücke auch schneller an den neugeborenen Knaben heran.
Er soll leiden wie ich damals vor zweihundert Jahren, dort auf dem Scheiterhaufen,
einst grausam und mächtig mit grünen Augen und feuerroten Haaren“.
.
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, klirrte und knarrte es in dem alten, mit Gold verziertem Holz, in dem der Spiegel in vergangenen Jahren einst eingelassen wurde.
Dann erschien, wie durch einen Schleier hindurch, das wahre Abbild von Clarissa.
Endlich sah sie ihr eigenes Gesicht und ihre wahre Identität. Sie sah...........Krakele, die Hexe, die vor mehr als 300 Jahren von dem alten König Ferdinand zum Tode durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde.
Nur die beiden, der Spiegel und sie selbst, wussten von dem grausamen Geheimnis, und kein anderer Mensch hatte je die Möglichkeit, außer der schönen Clarissa, eine andere Person hinter ihr zu erkennen.
„Willkommen im Leben“, lachte sie und grinste dabei sich selbst im Spiegelbild an. „Es wird nun Zeit, dass ich endlich meine Rache an der Königsfamilie nehme. Habe ich es nicht einst versprochen? Und Versprechen muss man halten“, geiferte sie gehässig weiter und machte sich daran, ihren Schwur von einst nun endlich wahr werden zu lassen.
Sie machte sich auf die Reise zu ihrem Vetter, dem König Franz und seinem Sohn.
Dort angekommen, umarmte sie scheinheilig den Trauernden und heuchelte: „Dein Kind braucht eine Mutter. Unsere Eltern sind zu alt, um sich um ihn zu kümmern, ich dagegen kann ihm Liebe und Geborgenheit schenken, auch wenn es nicht mein leibliches Kind ist. Lass mich eine Weile bei dir bleiben und für das Kind sorgen“.
Franz brauchte nicht lange zu überlegen, denn gern nahm er das Angebot von Clarissa an, denn er selbst war noch nicht in der Lage, sich um seine königlichen Pflichten und um Ferdinand zu kümmern. Viel zu groß war noch seine Trauer um sein geliebtes Weib.
Clarissa ließ ihr Gepäck, darunter auch den verhüllten Spiegel, auf ihre Gemächer bringen und sah sich am Anfang ihres Ziels.
Sie ließ mit Absicht einige Monate verstreichen und zeigte sich von ihrer allerbesten Seite, auch wenn es ihr schwer fiel, denn keiner durfte nur den geringsten Verdacht schöpfen, wer sie in Wirklichkeit war.
Täglich umsorgte sie den kleinen Prinzen, umschmeichelte auch hier und da den König Franz und seine Eltern und tat alles, bis man ihr blindes Vertrauen schenkte. Dann, in jener Nacht, wollte sie ihre Rache ausüben und den tödlichen Plan in die Tat umsetzen.
In dieser Nacht sollte der Sohn des Königs, der kleine Ferdinand, sterben.
Sie nahm das schlafende Kind aus seinem Bettchen, wickelte es in eine Decke und schlich sich mit ihm aus dem Schloss.
Sie musste weit laufen, bis sie oben auf dem Berg stand. Von hier aus sollte der Knabe herunterstürzen.
„Hörst Du mich rufen?“ schrie sie in den nächtlichen Himmel hinein, „ich habe gesagt, ich komme wieder und dass ich mich Rächen werde, und heute ist mein Tag gekommen. Verflucht seist du und alle deine Nachkommen!“
Dann hob sie den Knaben in die Luft und warf das kleine Bündel hinab in die Schlucht. Schnell drehte sie sich um, und noch während das Kind fiel, eilte sie schnell zum Schloss zurück.

.

.
Ein schwarzer Vogel, der mit seinen scharfen Augen den Fall des Jungen bemerkt hatte, kam mit großen Schwingen angeflogen, packte das fallende Kind mit seinem kräftigen Schnabel und flog mit ihm zurück in Richtung Schloss. Dort setzte er es vorsichtig und sanft in das grüne, weiche Gras.
König Franz, der dies alles beobachtet hatte, eilte so schnell er konnte, herbei und schloss seinen verängstigten und weinenden kleinen Sohn in die Arme.
„Danke“, sagte der überglückliche Vater „aber sage mir, was ist geschehen?“
Der Vogel antwortete:
.
„Von hoch über den Wolken und durch frischen Wind
bringe ich zu dir heim das kleine Königskind.
Von den Klippen sollte es stürzen, tief unten liegen, auf dem Boden zerschlagen,
ich konnte es noch rechtzeitig packen und dann durch die Lüfte tragen.
Du musst auf deinen Sohn besonders achten,
man wollte ihm nach seinem jungen Leben trachten.
Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen
ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s gesehen, ihr könnt mir glauben“.
.
Dann erhob sich der Vogel, breitete seine Flügel aus und verschwand hinter einer dunklen Wolke.
Die Hexe, die inzwischen ins Schloss zurückgekehrt war, enthüllte ihren Spiegel und bewunderte sich selbst. Seelenruhig, als wäre nichts geschehen, kämmte sie ihr Haar und begab sich danach in ihr Schlafgemach.
Als Clarissa am nächsten Tag das Kind gesund und unversehrt erblickte, wurde sie kreidebleich.
„Welcher Zauber und welche Mächte sind hier am Werk“, ging es ihr durch den Kopf, und sie schmiedete für die kommende Nacht einen neuen, noch schrecklicheren Plan, um den kleinen Prinzen erneut und dann für immer zu töten.
An diesem Tage jedoch spielte sie weiter die umsorgende, liebevolle Base, die die Geschehnisse der vergangenen Nacht ungläubig und erschüttert zur Kenntnis nahm.
Keiner der Königsfamilie wäre auf den Gedanken gekommen, dass Clarissa gar nicht sie selbst ist, sondern eine wiedergeborene Hexe.
Als die kommende Nacht hereinbrach, wickelte sie abermals den schlafenden Knaben in ein Tuch, verließ mit ihm das Schloss und machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Meer. Dort stieg sie in eines der Fischerboote und ruderte mit dem Prinzen so weit hinaus, dass sie das Ufer nur noch erahnen konnte. Dann warf sie das kleine Bündel ins Wasser und ruderte so schnell sie konnte zurück ans Land.
Tief immer tiefer sank der kleine Ferdinand hinunter, bis er auf dem Meeresboden zwischen Korallen und Algen liegen blieb.
Da kam ein großer, bunter Fisch angeschwommen, schnappte sich das kleine Bündel und stieg mit ihm auf bis hin zur Wasseroberfläche. Dann glitt der Fisch langsam und besonders behutsam durch das Wasser bis hin an das rettende Ufer und legte den Knaben dort ab.
.
.
Als König Franz den durchnässten und fast leblosen Körper seines Sohnes in den Armen hielt, musste er bitterlich weinen, hatte er doch noch nicht den Schrecken der vergangenen Nacht verarbeitet.
„Danke lieber Fisch“, sagte leise der Vater „kannst du mir sagen, was geschehen ist?“
Da sprach der Fisch zum König:
.
„Tief unten auf dem Meeresgrund
fand ich den Knaben mit geschlossenen Augen und offenem Mund.
Er sollte ertrinken im feuchten Grab, für immer zwischen den Algen liegen,
ich hab ihn rechtzeitig gefunden und konnte somit seinen nahenden Tod besiegen.
Seid auf der Hut, lasst euren Sohn nie aus den Augen, nie mehr allein,
schon morgen ist ein neuer Tag, und das Unglück könnte dann noch größer sein.
Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen
ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s gesehen, ihr könnt mir glauben“.
.
Dann drehte sich der Fisch um und verschwand irgendwo im weiten Meer.
In warmen Decken gehüllt lief der König mit seinem frierenden Sohn zurück ins Schloss und legte ihn in sein warmes Bettchen. Dann setzte er sich zu ihm und bewachte ihn dort die ganze Nacht.
Als der Morgen graute und Clarissa den lebenden Knaben in seinem Bett erblickte, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Sie konnte kein Wort herausbringen. Als König Franz sie nun doch misstrauisch und fragend ansah, konnte sie seinem Blick nicht standhalten, wandte sich von ihm ab und eilte zu ihren Gemächern.
Aber er hegte keinen weiteren Verdacht gegen sie, denn kannten sie sich nicht schon von Kindes an?
„Nein“ dachte sich Franz, „Clarissa hat mit der Sache nichts zu tun“ und verwarf jeden weiteren Verdacht gegen sie.
„Welche Macht“, fragte die Hexe sich vor dem alten Spiegel „welche Macht ist hier im Spiel“.
Sie zitterte und bebte vor Wut. Sie rüttelte und schüttelte an dem Spiegel und rief immer wieder laut kreischend: „Ihr Mächte der Finsternis, ihr Mächte der schwarzen Magie, warum lasst ihr mich im Stich? Tue ich nicht alles, um euren Namen alle Ehre zu machen?“
Dann hielt sie inne, denn sie hatte eine neue Idee, wie sie den Jungen ein für allemal töten und somit loswerden konnte.
Dieses Mal wollte sie ihr Glück am Tag versuchen und bereitete ihren Plan zügig vor, damit sie keine Zeit verliert, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel, und der Abend ließ nicht mehr lange auf sich warten. Unter dem Vorwand, mit dem kleinen Ferdinand noch einen Spaziergang zu machen, hüllte sie ihn in eine wärmende Decke, nahm ihn auf den Arm und ging langsam, damit keiner einen Verdacht schöpfte, in Richtung Wald. Ihr war wohlbekannt, dass dort wilde Bären lebten, die am Tag schliefen und nachts ihre Beute rissen, und genau einen davon wollte sie finden.
Als sie vor einer riesigen und finsteren Höhle stand und ausfindig machen konnte, dass diese von einem Bären bewohnt war, legte sie das eingehüllte Kind in der Höhle ab und verschloss diese von außen mit einem schweren Felsstück.
Dann zerriss sie ihre Kleidung, brach ein paar Äste von den Bäumen und ritzte sich mit deren Spitzen tiefe Wunden in ihre Arme und Beine bis sie blutete.
Als man sie in diesem Zustand und ohne das Kind auf das Schloss zukommen sah, benachrichtigte man sofort den König.
Der kam auch gleich angelaufen und schrie Clarissa an: „Was ist passiert wo ist mein Sohn?“
Die Hexe erzählte mit weinerlich verstellter Stimme dass sie am Waldesrand von einem Bären angefallen wurde, der sie schwer verletzte, und ihr das Kind aus den Armen riss und mit ihm in den Wald verschwand. Dann täuschte sie eine Ohnmacht vor und ließ sich in das Schloss tragen, wo man sie mitfühlend umsorgte.
König Franz befahl sofort nach dem Bären zu suchen und ihn zu töten, aber jegliche Suche nach dem Tier war vergeblich.
Während Clarissa mit sich und ihrem langersehnten Erfolg nach Rache nun erst einmal zufrieden war, brachte die Trauer und der Schmerz den König beinahe um seinen Verstand.
Aber in der Bärenhöhle, wo der Bär inzwischen erwacht war und das kleine Menschenbündel ausgiebig beschnupperte, geschah etwas, womit die Hexe nicht gerechnet hatte.

.

.
Zuerst zerschlug der Bär mit einem mächtigen Prankenhieb das Felsstück vor seinem Höhleneingang, und dann erst näherte er sich wieder dem Kind. Vorsichtig, damit er es nicht verletzte, nahm er es auf seinen Arm und hielt es zaghaft schützend an seinen wärmenden Pelz. Dann machte er sich mit dem Knaben auf den Weg zum Schloss. Leise brummte er dabei vor sich hin, als wolle er seinem Schützling ein Schlaflied singen.
Schon von weitem sah man im Schloss den Bären kommen und ängstlich schaute das Hofpersonal hinter ihren Gardinen hervor. Nur der König hatte eine Ahnung und lief dem Bär mutig entgegen. Als er diesem riesigen Koloss gegenüberstand, sprach der Bär:
.
„In meiner dunklen Höhle fand ich deinen Sohn, frierend und verlassen,
man wollte dass ich ihn töte, und alle Menschen sollten mich dafür hassen.
Ich sollte dem Knaben sein junges Leben nehmen, ich fresse keine Menschen,
nasche lieber am Honig und will ihn dir hiermit übergeben.
Pass gut auf den Kleinen auf, lass ihn von nun an nie allein,
heute hatte er noch einmal Glück gehabt, morgen könnte es schon anders sein.
Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen
ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s geträumt, ihr könnt mir glauben“.
.
Dann übergab der Bär dem überglücklichen Vater seinen kleinen Sohn und trottete zurück in den Wald, noch ehe sich der König bei ihm bedanken konnte.
Mit seinem Ferdinand auf dem Arm betrat König Franz freudig die Gemächer von Clarissa und wollte ihr mitteilen, dass ihr Kummer nun auch ein Ende haben soll.
Als diese das Kind erblickte, fing sie an zu zetern und zu schreien, raufte sich die Haare und stampfte wie wild auf den Fußboden. Danach rannte sie wie eine Furie quer durch das Zimmer und schrie: „Das kann nicht sein, Höllengrund und Hexendreck, das kann nicht sein!“
Dann nahm sie den erstbesten Gegenstand, der ihr in die Hände kam, und schlug auf ihren Spiegel ein, ohne zu ahnen, was sie damit anrichtete. Denn war der Spiegel erst einmal zerstört, konnte jeder die Hexe sehen und erkennen, und das Bild von der schönen Prinzessin Clarissa wäre für immer erloschen.
Als dieser dann in tausend kleine Scherben zersplittert am Boden lag, sah der König vor sich eine wildfremde Frau.
„Du bist nicht Clarissa meine Base, wer bist du, und wie kommst du hierher?“ fragte der König erschrocken.
„Eine Clarissa gibt es nicht und hat es nie gegeben“ zischte die rothaarige Hexe speicheltriefend zurück.
„Ich, Krakele, einst von deinem Ururgroßvater auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wurde mit Hilfe aller Höllenmächte wiedergeboren, um dich und deine Familie für immer auszurotten. Aber was mir bis heute nicht gelungen ist, kann ich an einem anderen Tag erledigen“.
„Es wird keinen anderen Tag mehr für dich geben“, herrschte Franz die Hexe an. „So, wie es einer meiner Großväter in der Vergangenheit tat, so will auch ich es halten. Noch heute sollst du auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, und damit du nie wieder wiedergeboren werden kannst, soll deine Asche weit über dem Meer verstreut werden“.
König Franz ordnete die sofortige Verbrennung von Krakele an, damit sie keine Gelegenheit und Zeit mehr hatte, seinem Sohn, seiner Familie oder jedem anderen aus seinem Volk zu schaden. Danach wurde ihre Asche, wie es der König befohlen hatte, draußen im Meer verstreut.
Im ganzen Königreich, auch in dem Nachbarreich, wurde nie wieder über Clarissa gesprochen, damit das Erlebte schnell aus den Köpfen der Menschen verschwand und somit in Vergessenheit geriet.
.

.Ende
.
Copyright: GiTo
.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0