Der Schneemann und die Schneekönigin



Es war bitterkalt. Der Winter machte seinem Namen alle Ehre. Seit Stunden schneite es. Der kleine Paul und seine Schwester Marie drückten ihre Näßchen an die Fensterscheibe und schauten dem Schneetreiben mit großem Interesse zu. Sie nahmen sich vor, morgen früh, nach dem Aufstehen einen riesengroßen Schneemann zu bauen. Sie gingen zu Bett, wünschten sich eine gute Nacht und schliefen dann auch bald ein.
Als der Morgen erwachte, aßen sie schnell ihr Frühstück und machten sich eilig daran im Vorgarten ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie formten einen Schneeball und rollten ihn solange in dem Schnee hin und her, bis der immer größer und immer größer wurde. Das taten sie genau drei mal. Eine große Kugel war für den Kopf bestimmt, die zweite für den Oberkörper und die letzte und größte Kugel war dann der Unterkörper von ihrem Schneemann. Sie setzten alle drei übereinander und schauten sich ihr Werk an. Ja, er sah schon ganz stattlich aus, aber es fehlte noch die Hauptsache. Marie eilte in die Küche und Paul in den Keller. Ganz feierlich drückte Marie eine Karotte in die oberste Kugel und siehe da, die Nase vom Schneemann war fertig. Der kleine Paul, der aus dem Keller kleine Kohlenstückchen geholt hatte, drückte ihm damit Mund und Augen ins Gesicht. Oh, war ihr Schneemann schön. Damit er auch nicht zu sehr fror, spendierte Paul ihm seinen grünen Schal, und Marie trennte sich vorübergehend von ihrer heißgeliebten Pudelmütze.
Die Mutter der beiden trat vor das Haus und lachte: „Prima habt ihr das gemacht. Ein wunderschöner Schneemann. Hier habt ihr einen Besen, den könnt ihr eurem Schneemann in die Hand drücken, dann hat er noch zusätzlich etwas Halt.“ Sie gab ihren beiden Kindern einen alten, ausrangierten Besen und ging dann wieder an ihre Hausarbeit.
Paul und Marie faßten sich an den Händen und hüpften singend um ihren weißen Mann herum und sangen ihre schönsten Kinderlieder.
Am Abend, vor dem Zubettgehen, schauten sie ihren Schneemann noch einmal an, wünschten ihm eine gute Nacht und huschten dann unter ihre warme Zudecke. Marie sagte zu Paul: „Wir brauchen noch einen Namen für unseren Schneemann.“ „Hm,“ murmelte Paul nachdenklich, „wie wäre es mit Ferdinand?“
„Gut,“ sagte Marie, „nennen wir ihn Ferdinand,“ und schlief zufrieden ein.
Draußen stand nun der Schneemann. Es war stockfinstere Nacht. Der Schnee rieselte vom Himmel als wollte er nie aufhören. Ferdinand schaute sich um, und
überlegte, was er nun so alleine anstellen könnte. Er schaute auf seinen Besen und dachte sich: „Ich kann den Kindern eine Freude machen und den Weg zu ihrem Haus vom vielen Schnee freikehren.“ Er machte sich an die Arbeit und bis der Morgen erwachte war er auch schon fertig.
Marie und Paul rieben sich erstaunt die Augen, als sie den schneefreien Weg sahen und waren sich einig, daß dies nur ihr Freund, Ferdinand getan haben könnte. Beide liefen eiligst zu ihm, umarmten und herzten ihren Schneemann, dann machten sie sich auf den Weg zur Schule.

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So vergingen einige Tage. Und wieder schneite es. Die kleinen Flocken tanzten vor dem Ferdinand hin und her. Ja es war so, als wollten sie mit ihm spielen. Besonders eine kleine Schneeflocke wollte es wohl ganz genau wissen. Mal setzte sie sich auf Ferdinands Nase, mal hüpfte sie auf seiner Pudelmütze auf und ab, dann huschte sie vor seinen Augen blitzschnell hin und her.
„Was ist los mit dir,“ fragte Ferdinand, „willst du mich ärgern oder weißt du nicht wohin des Weges?“ „Nichts von beiden,“ piepste die Schneeflocke, „ich finde dich wunderschön und muß dich immer wieder anschauen. Du bist so groß, so stattlich, so liebenswert, so anmutig, so...........“ „Ja ja, ist ja gut,“ lachte der Schneemann und schaute verlegen zur Seite. „Mein Name ist Flöckchen, darf ich bei dir bleiben?“ fragte die kleine Flocke und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten direkt auf die Rübennase vom Ferdinand. „So kann ich dir immer in deine schönen Augen schauen,“ flötete Flöckchen, „und wenn der Frühling kommt, und wir beide von der Erde Abschied nehmen müssen, gehen wir diesen Weg gemeinsam.“
„Frühling, was ist das?“ fragte Ferdinand erstaunt, und wieso Abschied nehmen?
Die kleine Schneeflocke erzählte ihm vom Frühling und daß der Schnee dann schmelzen muß. Dann wäre es warm und es gäbe auf der ganzen Welt keine Schneemänner und keine kleinen Schneeflocken mehr. „Ich möchte aber nicht schmelzen,“ klagte Ferdinand weinerlich, „ich bin doch erst ein paar Tage alt, und was soll dann aus Paul und Marie werden? Ich kann sie doch nicht alleine lassen.“ „Das ist eben unser Schicksal,“ sagte Flöckchen, „aber laß uns die Zeit genießen, in der es kalt ist. Da kann uns nichts passieren. Denke nicht an morgen, freue dich über den heutigen Tag.“
Marie und Paul kamen aus der Schule und umarmten ihren Ferdinand. Dann faßten sie sich wieder bei den Händen und sangen ihre kleinen Lieder. Der aber konnte sich nicht so recht freuen, denn er mußte immer an die Worte der kleinen Schneeflocke denken. Er schielte auf seine Nase und beobachtete die Kleine. Sie aber tanzte fröhlich auf und ab, hin und her und benahm sich so, als wenn es keine Schneeschmelze und keinen Abschied gäbe.
Am Abend kamen noch einmal die beiden Kinder, um nach Ferdinand zu sehen, aber sie waren traurig und bedrückt. Marie legte ihre Ärmchen um ihren Schneemann und fing an bitterlich zu weinen. Paul sah nur zu Boden und zog mit seinen Schuhspitzen verlegen lauter Streifen in den Schnee, ohne dabei den Ferdinand auch nur einmal anzuschauen.

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„Lebe wohl, Ferdinand,“ schluchzte Marie, „morgen bist du nicht mehr da. Im Radio haben sie gesagt, daß es heute Nacht Tauwetter gibt und es mit der Kälte nun vorbei ist.
Wir werden immer an dich denken.“ Beide winkten ihrem Schneemann noch einmal zum Abschied zu und gingen mit gesenkten Köpfen in ihr Haus.
„Nun ist es soweit,“ seufzte Ferdinand, „Flöckchen, hast du gehört, was mit uns heute Nacht geschieht?“ „Ja,“ sagte sie leise, „habe doch aber keine Angst. Sieh mich genau an, erkennst du mich denn nicht?“
Ferdinand stellte seine beiden, mit Tränen verschwommenen Augen, auf volle Sehschärfe ein und sah Flöckchen verwundert an. „Ja,“ sagte er, „ja, du trägst ja ein Krönchen, bist du am Ende........bist du am Ende die Schneekönigin?“
„Na endlich hast du mich erkannt,“ sagte sie. „Ich gebe dir meinen purpurroten Zaubermantel. Der wird dich vor der Wärme schützen und dich kalt halten.

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Du wirst somit nicht zu Wasser zerschmelzen, sondern direkt in mein Schneereich eintreten können.
Beruhigt legte Ferdinand den Mantel der Königin um seine Schultern und wartete auf die Nacht. Ein warmer Wind wehte um seine Nase, und wie von Geisterhand schmolz alles um ihn herum, was nur im geringsten aus Schnee war. Ja, er sah sogar kleine Blumen ihre Köpfchen aus der Erde strecken, und unter seinen Füßen kitzelte ihn saftig grünes Gras.
Er schaute sich alles mit großen und erstaunten Augen an, mußte aber feststellen, daß dies nicht seine Welt war, in der er leben möchte. Er sehnte sich nach dem Schnee, die vielen kleinen Flocken, der Kälte und nach der Schneekönigin. Er sah noch einmal zum Haus der Kinder und schloß dann lächelnd seine Augen. Dann war er wie vom Erdboden verschwunden.
Als er seine Augen wieder öffnete, war er in seiner neuen, kalten Welt. Alles war wie in silberner Farbe getaucht und Tausende von kleinen Flocken tanzten um ihn herum. Und mittendrin stand die Schneekönigin und forderte ihren Ferdinand zum Tanz auf.
Alle waren glücklich und zufrieden.
Jedes Jahr aufs neue, und immer zur Winterzeit, kommen sie alle zu uns auf die Erde zurück, um die Menschen zu erfreuen.
Dann kleidet sich die Erde in ein weißes Kleid, vom Himmel tanzt die Schneekönigin mit ihren vielen kleinen Flocken, und unser Ferdinand steht Nacht für Nacht am Fenster von Paul und Marie und winkt den beiden fröhlich zu.
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Ende
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Copyright: GiTo
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Kommentare: 3
  • #1

    gabryon (Mittwoch, 03 Dezember 2014 15:43)

    Lieber Gi-To,
    ein sehr schönes Märchen. Ich werde es in meinen Blogs vorstellen.

    LG
    Gabriele

  • #2

    gito-gito (Mittwoch, 03 Dezember 2014)

    Danke dir..... das freut mich!!!!
    LG

  • #3

    Gitta (Montag, 28 Dezember 2015 16:10)

    Eine herrliche Wintergeschichte. Die Pin ich mal an meine Pinwand. LG Gitta