Der kleine Flip

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Es war ein heißer Sommertag. Das Gras war braungebrannt von der Sonne, und die Tiere lagen alle müde und erschöpft in ihren Höhlen. Ja sogar die Vögel, die sonst emsig ihre Lieder sangen, haben, wenn es irgendwie ging, sich ein schattiges Plätzchen gesucht und gaben keinen Laut von sich. Über das ganze Land lag eine sengende Hitze. Es schien, als wollte die Erde verbrennen.

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Nur ein klitzekleiner Wassertropfen, dem die Sonne nichts anhaben konnte, pfiff fröhlich sein Liedchen vor sich hin und hüpfte von einem vertrockneten Halm zum anderen. Als er an einem alten Baum eine Rast einlegte, hörte er ein lautes Stöhnen und Wehklagen. Er drehte sich nach allen Seiten um und rief erschrocken: „Wer stöhnt denn da so erbärmlich. Wenn du denkst, du kannst mir damit Angst einjagen, zeige dich und verstecke dich nicht vor mir“.
„Du hast es gut“, sagte die Stimme, „dir scheint die Hitze nichts auszumachen, aber ich leide sehr darunter. Viele hunderte von Jahren stehe ich hier und sah viele Zeiten kommen und gehen, aber dieser Sommer wird wohl mein letzter sein. Wenn nicht bald der rettende Regen fällt, hat wohl bald mein letztes Stündlein geschlagen“.
Der kleine Regentropfen sah ganz weit nach oben und schaute in ein trauriges und ausgedörrtes Gesicht eines Baumes. „Wie heißt du“? fragte der Kleine und der Baum antwortete: „Ich bin vom alten Geschlecht der Eichen und heiße Mohan, Freunde nannten mich einst Mo, aber das ist lange her. Die Hitze hat sie alle hingerafft, und ich bin nun der Letzte der übriggeblieben ist, aber meine Zeit ist ja wohl auch bald vorbei“.
„Ich heiße Flip“, rief der Kleine aufgeregt, „darf ich dich Onkel Mo nennen“?
„Aber gerne, mein kleiner Freund“, stöhnte der Baum, und seine kahlen und ausgetrockneten Äste knarrten so laut, daß es dem kleinen Flip Angst und Bange wurde.

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„Wie kann ich dir nur helfen und was fehlt dir?“, fragte Flip und der Baum stöhnte: „Weh oh weh, viel
Regen, etwas Kühle und ein wenig Schatten wären meine Rettung, aber dieser Wunsch bleibt mir verwehrt, denn Frau Sonne hat es seit langer Zeit nicht mehr regnen lassen. Wenn sich nur jemand finden würde, der ihr erzählt wie alles hier auf der Erde verbrennt und zugrunde geht“.
„Das will ich wohl gerne für dich tun“, rief der Kleine aufgebracht, „aber wie erreiche ich Frau Sonne und wie finde ich den Weg zu ihr“ ?
„Es ist ein schwerer und mühseliger Weg“, stöhnte der alte Mo und erklärte dem Flip wie er zu Frau Sonne gelangt. „Also, als erstes mußt du den langen Marsch zum nächsten Fluß machen, hast du diesen erreicht, baust du dir ein Boot aus dürrem Gehölz und fährst mit ihm zur Mitte des Sees. Dort angelangt, mußt du solange warten, bis Frau Sonne Durst hat und einen Schluck Wasser aus dem See trinkt. Sie benutz dazu einen langen, goldenen Strohhalm und saugt damit das Wasser auf. Halte dich an den emporsteigenden Wasserstrahl fest, so gelangst du in ihr Reich und kannst von meinem schweren Schicksal und den Nöten aller Anderen hier auf der Erde berichten“.
„Armer Onkel Mo“, rief der kleine Flip aufgeregt, „ich mache mich sofort auf den Weg, denn ich möchte keine Zeit verschwenden, damit ich ganz schnell bei Frau Sonne bin und dir damit helfen kann“.
Eilig hüpfte Flip von Stein zu Stein und von Halm zu Halm, um schnell an den See zu gelangen. Dort angekommen, baute er sich wie ihm der alte Baum geheißen hat, aus allem Brauchbaren was er fand ein Boot und paddelte damit in Richtung Mitte des Sees.

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Viele Tage und Nächte verbrachte er dort und wartete darauf, daß Frau Sonne nun endlich einen Schluck Wasser trank. Dann war es soweit. Die Wellen wurden unruhig, und sein kleines Boot begann sich schnell und immer schneller im Kreis zu drehen. Wie von Geisterhand wurde Flip in die Luft gezogen. Höher, immer höher und noch höher ging es in Richtung Himmel, bis er etwas unsanft auf einem kleinen Sonnenstrahl landete. Von weitem konnte er Frau Sonne sehen, die genüsslich an ihrem Strohhalm sog. Er hüpfte so schnell er konnte von einem Strahl zum anderen, bis er schließlich sein Ziel erreichte und ganz außer Atem vor ihr stand.
„Frau Sonne, liebe Frau Sonne, denkt doch bitte auch an meinen Freund den Onkel Mo und an all die anderen Pflanzen und Tiere auf der Erde. Sie haben auch Durst und leiden schrecklich.“
Aufgeregt und ganz verzweifelt erzählte er, was ihm sein Freund auftrug, und daß dieser, wenn es nicht bald regnen würde, sterben müsse.
Die Sonne erschrak als sie hörte, daß es wegen ihr keinen Schatten, kein kühles Plätzchen für die Tiere und keinen Regen für den alten Mohan und seine Gefährten gab. „Ich habe wohl die Zeit verschlafen und werde sofort meine schnellste Wolke rufen und alles in die Wege leiten, um zu retten, was noch zu retten ist“, versicherte sie dem kleinen Flip und ließ eine große Wolke zu sich kommen, der sie von dem schweren Schicksal auf der Erde erzählte. Diese hörte der Sonne aufmerksam zu, denn sie sollte das Kommando über all die anderen Wolken übernehmen und dafür sorgen, daß alle Pflanzen und Lebewesen auf der Erde mit reichlich Wasser, Wind und Schatten versorgt werden. Gesagt, getan.
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Die Wolke trompetete alle anderen Wolken zusammen, und schnell wurde ein rettender Plan erarbeitet. Jede Wolke, ob groß, ob klein, bekam den Auftrag, soviel Wassertropfen auf die Erde zu schicken und soviel Schatten zu spenden wie sie kann. Und der Wind erhielt die Aufgabe ein erfrischendes Lüftchen zu blasen.
Unten auf der Erde sah der alte Onkel Mo sehnsüchtig zum Himmel hinauf und dachte an seinen kleinen Freund. „Ob er es wohl geschafft hat und Frau Sonne überreden konnte eine Pause einzulegen?“, dachte er wehmütig und stöhnte leise und kraftlos vor sich hin.
Da auf einmal geschah das Wunder. Der Himmel verdunkelte sich zunehmend, und die trockenen Grashalme bewegten sich langsam von einer Seite zu der anderen. Immer dunkler wurde es, und der alte Baum hielt seinen Atem an. „Er hat es geschafft“, flüsterte der ganz leise, „mein kleiner Freund hat es tatsächlich geschafft.“

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Plitsch, platsch. Es machte plitsch und platsch. Schnell und schneller und dann ganz schnell. Regentropfen über Regentropfen fielen aus den dunklen Wolken auf die ausgedorrte Erde. Jeder Tropfen hatte noch ein oder zwei kleine Eimerchen bei sich, die abermals mit Wasser gefüllt waren.
Und mittendrin jubelte lauthals unser kleiner Freund, der Flip: „Onkel Mo, wir kommen und helfen euch allen.“

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Der langersehnte Regen wurde sofort von dem Boden aufgesaugt und an alle Pflanzen und Wurzeln weitergegeben. Auch die Wurzeln vom alten Onkel Mo tranken soviel sie nur konnten, und zusehends erholte sich sein Stamm, und seine ausgetrockneten Äste verwandelten sich wie von Geisterhand in ein wunderschönes, saftig grünes Laubkleid.
„Juchhuuu........, ich komme“ ertönte ein helles Stimmchen, und unser kleiner Flip landete direkt auf einem Blatt in der Baumkrone vom alten Onkel Mo.
„Das hast du ja prima gemacht, mein großer Held“, rief der Baum lachend seinen kleinen Freund zu, „ohne deine Hilfe hätte es für uns alle sehr böse enden können. Im Namen von uns allen möchte ich dir unseren Dank aussprechen“.
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„Hab ich doch gerne getan“, lachte Flip zurück, „wenn einer dem anderen hilft, muß keiner leiden oder traurig
sein“.
Der kleine Flip setzte sich auf ein Blatt von seinem großen Freund, und dann sahen die beiden Freunde zu, wie sich langsam die Natur um sie herum veränderte. Das Gras bekam zusehends ein saftiges Grün, die kleinen Blumen ragten ihre Köpfchen heraus und leuchteten in den unterschiedlichsten Farben, zaghaftes Vogelgezwitscher ertönte aus allen erdenklichen Richtungen, und ein großer Regenbogen rundete das Bild von Farbenpracht und Schönheit ab.
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Ende
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Copyright: GiTo
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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea Schwemin (Sonntag, 04 November 2012 17:27)

    Hallo GiTO,:)
    Die GESCHICHTE mit dem Regentropfen und dem BAUM ist KLASSE,dafür DANKE ich dir daß ich einBLCK in deine GSCHICHTE haben durfte,AUCH danke ich dir für deinen BESUCH bei mir....hast du meine GESCHICHTE mit dem REGENtropfen schon gelesen.....du wirst in auf meinen SEITE(n)finden.....vertraue.Dir wünsche ich einen schönen SonnTAG lass es dir gut gehen bis zum nächsten MAL ich komme wieder,habe noch nicht ALLe GESCHICHTE(n)geLESE(n)......Liebe GRÜßE ANDREA

  • #2

    Die Omma Hedwig (Dienstag, 15 August 2017 21:26)

    Datt is ja ma eine liebliche Geschichte. Datt lenkt ma dahin, watt wirklich wichtig im Leben is. Für viele ja selbstverständlich, den Wasshahn aufgedreht und datt Wasser löppt ! Und in Afrika müssen die Einheimischen datt Wasser aus ihren selbst angelegten Brunnen sogar kaufen. In watt für eine verkehrte Welt wir doch leben !