Der alte Mann und der Engel



Draußen vor dem Stadtrand stand eine einsame und alte Hütte, in der ein Greis wohnte. Sie war ärmlich und karg eingerichtet, dunkel und kalt. Der alte Mann hatte Mühe sich aufrecht zu halten. Seine Gelenke taten ihm weh, und er war abgemagert bis auf die Knochen. Das Leben hatte es nie gut mit ihm gemeint, deshalb ist er mit den Jahren verbittert und böse geworden. Draußen in der Stadt wurde gelacht, getanzt und gefeiert, aber keiner dieser Menschen hatte ihn jemals eingeladen, keiner nahm von ihm Notiz, und niemand wollte mit ihm etwas zu tun haben. Er selbst lehnte jeglichen Kontakt zu anderen Menschen ab, ja sogar zu der Katze, die mit ihm in seiner Hütte lebte, hatte er fast ein feindseliges Verhältnis.
Er wünschte sich so sehr, nun endlich von seinem ärmlichen und leidvollem Leben erlöst zu werden und die Augen für immer zu schließen. Er aß seine Wassersuppe, und sein müdes Haupt glitt herunter auf den Tisch, wo er dann einschlief.

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Er erwachte durch ein helles Licht in seinem Zimmer. Er rieb sich die Augen und erschrak. Aus dem Licht stieg ein wunderschöner Engel hervor und sprach zu dem Alten: „Deine Zeit ist gekommen alter Mann, sage mir nun eine deiner guten Taten, und du darfst mit mir durch die Himmelspforte gehen.“
Der Greis überlegte und überlegte, aber keine gute Tat, die er jemals in seinem Leben getan haben konnte, wollte ihm einfallen. „Es fällt mir nichts ein, das ich dir sagen könnte,“ erwiderte der Alte mürrisch, „keiner hat für mich jemals etwas getan, warum sollte ich das tun?“
Der Engel fragte: „Hast du nie dein Brot mit dem Bettler geteilt, oder hast du nie dem Durstigen von deinem Wasser gegeben?“ „Nie“, sagte der Alte, „ mir hat niemals jemand etwas gegeben, also gab ich auch nichts.“ „Wenn das so ist“, entgegnete der Engel, „ dann bleibe auf Erden, bis dir eingefallen ist, ob du jemals etwas Gutes getan hast oder du mir von einer guten Tat berichten kannst.“
Im Zimmer wurde es dunkel und der Engel war nicht mehr zu sehen. Stille war im Raum, unheimliche Stille.
Der Alte glaubte, er hätte geträumt, aber er war in Gedanken immer bei dem Engel. Sollte er wirklich so ein bösartiger Mensch in seinem Leben gewesen sein, gab es wirklich niemand, dem er jemals geholfen oder zur Seite gestanden hatte? Aber all sein Grübeln und all sein Nachdenken half nichts, es wollte ihm nichts einfallen. So gab er sich mit seinem Schicksal ab und nahm sich vor, ab morgen etwas Gutes zu tun. Als der Morgen erwachte, stand der alte Mann auf, zog sich seinen besten Anzug, den er in seiner Kommode fand, an und machte sich auf den Weg in die Stadt. Er mußte lange laufen, und jeder Schritt schmerzte. Er lehnte sich an eine der Häuserwände um eine Rast einzulegen, als ein kleiner Junge zu ihm herantrat und ihn fragte, „Kann ich dir helfen, soll ich dich stützen, damit du deinen Weg fortsetzen kannst?“ „Nein danke,“ erwiderte der Greis verbittert, „ich bin mein ganzes Leben lang ohne deine Hilfe gelaufen, jetzt brauche ich sie auch nicht mehr.“ Kaum hatte er das gesagt, fiel ihm sein Vorhaben ein. Er wollte doch eigentlich etwas Gutes tun, statt dessen tat er genau das Gegenteil. „Sollte ich wirklich so ein schrecklicher Mensch sein,“ fragte er sich und dachte an die Worte, die ihm der Engel gesagt hatte. Der Junge aber war erschrocken davongelaufen.
So machte sich der Alte weiter auf den Weg, als ihm sein Stock, den er als Gehstütze brauchte, zu Boden fiel. Ein junges Mädchen eilte herbei und bot ihm ihre Hilfe an. „ Darf ich dir den Stock aufheben, damit du dich nicht zu bücken brauchst?“, fragte sie und wollte schon nach dem Stock greifen, als der Alte sie  anfuhr: „Ich habe mich all die Jahre alleine bücken müssen, ohne deine Hilfe. Gehe du deines Weges, ich schaffe das auch ohne dich.“ Das Mädchen schaute den Alten ängstlich an und lief eilig davon. Er nahm keine gute Tat an und konnte auch keine geben. „Das hast du nun davon,“ dachte der Greis, „kein Wunder, daß ich die Himmelspforte nicht durchschreiten darf. Mein Herz ist so gefühlskalt, daß es mich selbst erschauern läßt.
In einem Park angekommen,  faltete er seine Jacke und legte sie ins Gras, dann setzte er sich hin und legte sein Kopf auf sie.
„Wenn ich heute noch mal ein Junge wäre,“ dachte er so bei sich, „ würde ich alles anders machen. Dann würde ich jeden Tag eine gute Tat tun, und der Weg zum Himmel wäre für mich frei. Nun ist es zu spät, und ich muß mich weiterhin plagen und  quälen. Keine gute Tat kann ich die meine nennen und muß nun teuer dafür bezahlen.“ Dann schlief er ein.
Er erwachte, als ihm etwas über sein Gesicht krabbelte. Es war eine kleine Raupe. Er nahm sie in seine Hand und sah sie sich lange an. Er dachte, daß er auch einmal in seiner Kindheit solch eine Raupe besaß, die sich dann in seinem Karton zu einem schönen Schmetterling entpuppte. Den Schmetterling hatte er dann freigelassen. „Ja, freigelassen,“ murmelte der Alte leise vor sich hin,: „Freigelassen............“
Ein helles Licht kam auf den alten Mann zu, aus dem der Engel trat. Er schaute den Greis lange lächelnd an und reichte dem Alten seine Hand. „ Du hast dem Schmetterling die Freiheit geschenkt, dafür schenkt dir Gott sein Himmelreich. Komm mit mir durch die Himmelspforte, dein Leiden wird nun ein Ende haben.“ Der Alte gab dem Engel seine Hand, und zum ersten mal im Leben hatte der Greis ein Gefühl des Glücks und der Liebe in sich, das er zuvor nie gekannt hatte.
Seinen alten, kranken Körper ließ der alte Mann auf der Erde zurück. Seine  überglückliche Seele aber war im Himmel. Er war endlich zuhause.

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Ende
 

Copyright: GiTo
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Kommentare: 1
  • #1

    Karoline Toso (Samstag, 15 Februar 2014 10:13)

    Und wenn du auch nur einen einzigen gehasst,
    so musst du sagen: ich habe gehasst.
    Und wenn du auch nur ein einziges Mal geliebt,
    so darfst du sagen: ich habe geliebt.
    Er wird lächeln,
    der Herr des Weinbergs.
    ... und du wirst das Himmelstor glücklich durchschreiten.
    Spätestens dort werden wir uns treffen, lieber Gito.
    Karoline