Das Wasser des Lebens



Voller Gram und Kummer beugte sich Hendrik über das Bett, indem sein krankes Kind lag. Die Ärzte hatten alle Hoffnungen aufgegeben und den jungen Vater darauf vorbereitet, daß seine geliebte Tochter bald sterben müsse.
Weinend und verzweifelnd betete er zu Gott und bat um Gnade für sein Kind, nachdem er schon vor Jahren seine geliebte Frau verloren hatte, und hoffte somit ihren bevorstehenden Tod abzuwehren.
Unruhig und voller Angst sah er sich im Zimmer um und wartete auf irgendein Zeichen, das ihm der Himmel schickte, aber vergebens, alles war wie immer, die Uhr tickte im gleichmäßigem Takt, und die Balken knarrten leise, als würden sie von Schmerzen geplagt stöhnen.

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Wie aus dem Nichts erschien mitten im Raum ein dunkler Schatten, der sich mehr und mehr zu einer Gestalt formierte. Hendrik konnte deren Gesicht nicht erkennen, ahnte aber, daß nun die Zeit für seine Tochter gekommen ist und dies der Tod sein müsse.
„Wenn du der bist, den ich mit Schaudern erwarte“, sagte der Vater, „dann bitte ich dich von meinem Kind abzulassen.
Sie ist noch so klein und zerbrechlich und hätte noch ihr ganzes Leben vor sich“.
„Deine Gebete und Bitten sind wohl erhört worden“, sagte der Tod, „aber auch ich muß mich an die Zeit halten. Reiche mir nun die Hand von deiner Tochter und lasse sie mit mir gehen“.
„Nein“, schrie Hendrik auf, „gib uns noch ein paar Tage, nur noch wenige Stunden, um mich zu verabschieden. Wenn es denn unbedingt sein muß, gewähre mir diese Gnade“.
„Ich werde deinem Flehen Gehöhr schenken“, flüsterte der Tod und übergab dem verzweifelten Vater eine kleine Blume. „Wenn diese Blume verwelkt und ihr letztes Blatt gefallen ist, dann ist deine Gnadenfrist abgelaufen und du mußt mir dein Kind übergeben“, sprach der Tod und verließ lautlos das Zimmer, so wie er gekommen war.
Kreidebleich stand der Vater vor dem Bettchen seiner Tochter und hielt in seinen zitternden Händen die Blume. Schnell holte er ein Gefäß und stellte sie in frisches Wasser.
Er mußte sich etwas einfallen lassen, um das Verblühen der kleinen Pflanze zu verhindern. Er brauchte Zeit, die er nicht hatte, um das Leben seines Kindes zu retten und somit ihren sicheren Tod zu verhindern.
Er erinnerte sich an eine alte Sage, die erzählte, daß im Wald hinter dem Berg, vor dem sein Dorf lag, eine alte und weise Hexe mit Namen Wally wohnte, die für ihr Wissen über Heilkräuter und für so manchen Zauber bekannt war.
Er nahm sich vor, sie zu besuchen, und um ihren Rat zu fragen und machte sich am nächsten Morgen auf den Weg.
Er lief so schnell er konnte durch sein Dorf und stieg den Berg hinauf. Als er oben auf diesem angelangt war, konnte er im Tal den besagten Wald erblicken und rutschte Stück für Stück den Berg wieder herunter, bis er den Waldanfang erreichte.
Er schlug sich durch das Dickicht des Waldes, stieg über herumliegende Äste und stolperte über so manchen Stein, bis er eine Lichtung erreichte. Mitten auf dieser stand eine alte, verwitterte Hütte, aus deren Schornstein feiner Rauch emporstieg.
„Die Hütte ist bewohnt“, dachte sich Hendrik, „hoffentlich ist es auch die, in der die Hexe wohnt“. Vorsichtig und behutsam ging er auf das Häuschen zu und klopfte an die morsche Holztür.
Eine alte, weißhaarige Frau, in alten Lumpen gekleidet, öffnetet die Tür, deren unheimliches Knarren und Quietschen den ganzen Wald durchdrang.

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„Sei willkommen, Fremder“, krächzte die Alte, „tritt herein und sage mir den Grund deines Besuches“.
„Bist du die weise Wally, von der man sich erzählt? Die, die heilende Kräuter kennt und von der man sagt, daß sie zaubern kann“?, fragte der Gast ungeduldig. „Ja gewiß“, erwiderte die gute Alte und bat den Hendrik abermals einzutreten.
Der verzweifelte Vater erzählte von seiner sterbenden Tochter, und daß der Tod ihm einen befristeten Aufschub gewährte, solange, bis die Blume ihr letztes Blütenblatt verloren hat.
Die Alte hörte dem Hendrik aufmerksam zu und machte sich daran, eine alte Truhe herbeizuholen. Während sie die Truhe durchsuchte, murmelte sie immer wieder leise vor sich hin: Das Medaillon, wo ist nur das Medaillon“?
„Was für ein Medaillon suchst du, und wofür brauchst du es“?, fragte der Vater ungeduldig, und die alte Wally beruhigte ihn: „Geduld Fremder, du brauchst jetzt sehr viel Kraft und darfst keinen Fehler machen. Du mußt zum Eismeer am anderen Ende der Welt reisen und die Eiskönigin um das Wasser des Lebens bitten. Aber es ist ein fast unmögliches Vorhaben, denn die Königin wird von einem bösen Zauberer in einem Eisberg gefangengehalten, der von einem menschenfressenden Drachen bewacht wird. Kannst du diesen töten, ist die Königin frei und wird dir helfen. Aber um zum Eismeer zu gelangen, brauchst du mein Medaillon, das dich auf schnellstem Wege dorthin bringt, und mit dem du auch wieder nach Hause kommst. Wenn du es öffnest, schließe beide Augen, dann brauchst du nur dein Ziel zu sagen und du bist an dem Ort, den du dir herbeigewünscht hast. Bei deiner Rückreise verfährst du genauso, aber bedenke, du kannst nur zweimal reisen, denn einen dritten Wunsch gibt es nicht“.
Nachdem sie das Schmuckstück nun endlich gefunden hatte, übergab sie dieses dem Hendrik und wünschte ihm alles Glück auf Erden, und daß sein Vorhaben gelingen möge.
Nachdem sich der Vater bei der Alten bedankt hatte, machte er sich eiligst auf den Heimweg zu seinem Kind.
Schweren Herzens traf er alle Vorbereitungen für seine Reise, packte einen Pickel und eine Eissäge in seinen Rucksack, gab der Blume frisches Wasser und verabschiedete sich mit einem Kuß von seinem Töchterchen.
Er band das Medaillon um seinen Hals, öffnete es, schloß seine Augen und sprach: „Bringe mich zum Eismeer am Ende der Welt, dorthin wo die Eiskönigin gefangen gehalten wird“.
Kaum hatte er seinen Wunsch ausgesprochen, fegte ihm eine eisige Kälte und ein frostiger Wind entgegen. Er fand sich inmitten eines Schneesturms wieder und war am Eismeer angelangt. Schnell zog er sich die warme Kleidung über, die er sich vorsorglich eingepackt hatte, zog seine dicken Winterstiefel an und stapfte langsam, Schritt für Schritt über das zugefrorene und mit hohem Schnee bedeckte Meer.
Weit in der Ferne sah er silbern glänzend die Eisberge leuchten, die sich anmutig schön, aber dennoch bedrohlich gegen den Himmel streckten.
„In einem dieser Berge ist die Eiskönigin gefangen“, dachte sich der Hendrik, und ihm schauderte bei dem Gedanken, daß er noch gegen das Ungeheuer kämpfen muß, um es zu töten. Aber der Wille sein Kind zu retten gab ihm Kraft und machte ihn stark, deshalb ging er mutig weiter und suchte nach dem Drachen.
Seine Beine wurden immer schwerer, und seine Kräfte ließen allmählich nach. Er legte eine Rast ein und bemerkte, daß er sich in etwa der Mitte des Meeres befand. Aus der Richtung der Eisberge hörte er ein lautes und furchterregendes Gebrüll. Er sah genauer hin und erkannte ein riesengroßes, ekliges, zähnefletschendes und feuerspeiendes Monster.
„Das ist der Drachen“, dachte sich Hendrik, und ein Angstschauer nach dem anderen jagte ihm den Rücken runter. „Wie soll ich gegen dieses Ungetüm kämpfen oder es sogar töten“? zweifelte der Vater an sich und versteckte sich hinter einem kleinen Schneehügel.

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Der Drachen aber wütete so stark, daß der Hendrik erst einmal beschloß, die Nacht hereinbrechen zu lassen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
Am Abend kam für den Vater dann die rettende Idee. In tiefster Dunkelheit, wenn der Drachen schlafen würde, wollte er mit seinem Pickel und der Eissäge ein großes Loch in das Eismeer schlagen und auf dieses dann den Drachen locken.
Er arbeitete die ganze Nacht hindurch, ohne eine Rast einzulegen, denn die Zeit arbeitete gegen den Vater. Als der Morgen graute, sah sich der Hendrik völlig erschöpft seine Arbeit an, nickte zufrieden mit dem Kopf und verwischte die Spuren, die er mit der Säge und dem Pickel hinterlassen hatte, mit Schnee. So konnte der Drachen das Loch im Eis nicht erkennen.
„Kannst ruhig kommen, du Ungeheuer“, flüsterte er leise und wartete hinter seinem Hügel, bis der Drachen aus seiner Höhle kam.
Brausendes Getöse schreckte den Hendrik auf. Nicht weit von ihm stand brüllend das Ungeheuer und schlug mit seinen Flügeln so heftig, daß der ganze Schnee aufgewirbelt wurde, und man kaum die Hand vor seinen Augen sehen konnte. Das nützte der Hendrik aus und rannte mutig auf den Drachen zu.
„Menschen fressen, du willst Menschen fressen“? schrie er so laut er nur konnte „dann komm hierher zu mir, ergreife und töte mich, du Ausgeburt der Hölle“!
Als der Drachen ihn erblickte, ging der sofort zum Angriff über. Er stürzte sich feuerspeiend und brüllend auf den Hendrik, der sicher vor dem gesägtem Loch im Eismeer stand.
Gerade als das Ungeheuer den Vater ergreifen wollte, befand es sich inmitten der eingesägten Stelle. Durch das Gewicht des Drachen brach das restliche Eis ein, und er versank brüllend in der Tiefe des Meeres.
Versteinert und starr vor Angst stand Hendrik vor dem riesigen Loch im Meer. Aber der Drachen tauchte nicht mehr auf. Nur kleine Luftblasen stiegen vom Meeresgrund empor, dann herrschte eine unendliche Ruhe.
Als der Hendrik sich von seinem Schreck erholt hatte, packte er seine Säge und den Pickel in den Rucksack und machte sich zu Fuß weiter auf, in Richtung der Eisberge.
Lange mußte er sich durch den hohen Schnee kämpfen, als er nun endlich vor den Bergen stand. Aber wo sollte er die Königin finden? Wo hielt man sie gefangen, und wie sollte er sie befreien? Den Vater verließen alle seine Hoffnungen, und er dachte an sein krankes Kind, das weit entfernt von dem Eismeer um sein junges Leben kämpfte.
Er kniete nieder und wollte gerade sein Medaillon öffnen, das ihn zurück zu seiner Tochter bringen sollte, als er ein helles Licht sah. Er blickte auf und sah einen Sonnenstrahl, der direkt auf einen der Eisberge schien. Er sprang auf und rannte so schnell er konnte in dessen Richtung, und tatsächlich, dort sah er sie, die Eiskönigin.

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Das Eis um sie herum schmolz so schnell, daß dem Hendrik kaum Zeit blieb, ihre Schönheit wahrzunehmen.
Lächelnd stieg sie den Eisberg herab und ging auf den Vater zu. In ihrer Hand hielt sie ein kleines Fläschchen, das mit einer funkelnden Flüssigkeit gefüllt war.
„Ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet“, sprach sie und ihre Stimme hörte sich an, als wenn die schönsten Vögel dieser Welt ihre Lieder sängen.
„Ich weiß von deinem Leid und gebe dir, wonach du gesucht hast. Nimm diesen Flakon mit dem Wasser des Lebens und benetzte damit die Lippen deiner Tochter, danach stelle die Blume in das Wasser und pflanze sie später in die Erde vor deinem Haus. Beeile dich aber, denn die Blume trägt nur noch zwei Blütenblätter, und der Tod wartet schon auf dein Kind“.
Hendrik bedankte sich bei der Königin, packte behutsam das Fläschchen in ein Tuch und steckte es in sein Hemd unter seinem Herzen. Dann nahm er das Medaillon in seine Hand, schloß die Augen und wünschte sich in seinem Dorf zu sein.
Als er die Augen öffnete, stand er neben dem Bettchen seiner Tochter. Die Blume hatte nur noch ein Blatt, und das schien gerade abfallen zu wollen. Schnell tat er das, was die Eiskönigin ihm aufgetragen hatte. Er öffnete das Fläschchen und ließ einen Tropfen davon auf die Lippen seines Kindes fallen, dann eilte er zu der Pflanze und stellte sie in das Wasser des Lebens. Kaum hatte er das getan, wuchsen ihr neue Blütenblätter, und in kürzester Zeit schlugen kleine Wurzeln aus und ließen die Blume in ihrer schönsten Pracht erscheinen.
Seine Tochter öffnete die Augen und sah ihren Vater überglücklich an. Schnell gehörten die Schmerzen, das hohe Fieber und die tückische Krankheit zur Vergangenheit, und sie konnte geheilt und gesund ihr Bett verlassen.
Der Tod hatte somit keinen Zugang mehr zu ihrem Haus.
Die schöne Blume pflanzten beide in ihren Garten und erfreuten sich an ihrem Wuchs und der vollen Blütenpracht.
Einmal im Jahr machen Vater und Tochter einen Ausflug zu der Waldlichtung, wo die alte Wally ihre Hütte hat und bringen ihr Kuchen und allerlei andere Leckereien. Dann werden Erinnerungen und Erfahrungen in Dankbarkeit ausgetauscht, und alle erfreuen sich über jede Stunde, die sie in Gesundheit und Gemeinsamkeit verbringen dürfen.
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Ende

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