Das liebende Herz



Es war einmal ein großer Zauberer, der mit seiner schönen Tochter Maria in einem großen Schloß lebte. Er war der Vierjahreszeitenzauberer. Alle 3 Monate stieg er auf seinen Turm, zeigte mit seinem Zauberstab in Richtung Himmel und bestimmte somit die Jahreszeit. Einmal den Frühling, dann wieder den Sommer, den Herbst und zum Schluß den Winter. Die Menschen liebten ihn und verehrten seine schöne Tochter.
Es war später Herbst, als es einmal wieder soweit war, um auf den Turm zu steigen und den Winter herbeizuzaubern. Er zeigte, wie schon sooft, den Stab gen Himmel und sprach: „ Der Herbst ist gegangen, die Zeit hält nun den Winter gefangen“.
Von nun an wurde es immer kälter, das restliche Laub fiel von den Bäumen, und die Tiere im Wald, die für ihren Wintervorrat gesorgt hatten, verschwanden in ihren Höhlen und kuschelten sich in den Winterschlaf.

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Etwas später kleidete sich das ganze Land in ein schneeweißes Kleid. Die Kinder freuten sich über die weiße Pracht, bauten ihre Schneemänner oder machten eine Schneeballschlacht.
Tief unten im See herrschte die böse Eiskönigin mit ihrem Sohn Hans. Sie schlief mit Hans das ganze Jahr über, wenn der See aber zu Eis erfroren war, erwachten sie und herrschten unter Wasser über alles was da lebte. Die  kleinen Wassernixen, die Fischlein, ja sogar die Wasserpflanzen mußten der herrschsüchtigen Königin zu Diensten sein.
Ihr Sohn, der Hans, hatte ein Herz aus Eis und tat alles was seine Mutter ihn geheißen hatte. Diesmal jedoch, heckte die Königin einen teuflischen Plan aus, denn sie wollte das ganze Land, mit all den Menschen, Tieren und Pflanzen nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über beherrschen. Der Zauberer stand ihr dabei im Weg, denn er hatte ja den Zauberstab, den sie selbst gerne in ihrem Besitz hätte.
Eines Tages sprach die Königin zu Hans: „ Wenn es heute Nacht dunkel ist, wirst du für mich in das Schloß des Zauberers gehen und mir den Zauberstab holen. Ich werde ihn hier unten im See einfrieren, und es soll nie mehr andere Jahreszeiten geben als den Winter.
Hans war es unwohl bei dem Gedanken, man könne ihn dabei entdecken wenn er in das Schloß eindrang, und wie sollte er an den Zauberstab kommen?
Die Königin hatte aber schon vorgesorgt, indem sie die kalte Luft mit einem Zauberduft vermischte, so daß alle Menschen und Tiere tief schliefen und nichts bemerken sollten.

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Bei Nacht machte sich der Hans auf den Weg. Seine Füße trugen ihn über das festgefrorene Eis und den tiefen Schnee, bis er an das Schloß gelangte. Er sprang über Mauern und stieg  Tausende von Stufen hoch, bis er an das Schlafgemach der schönen Maria und dem Zauberer gelangte. Keiner hörte ihn und keiner stellte sich ihm in den Weg. So konnte er den teuflischen Plan seiner Mutter ausführen. Erst sah er sich den tief schlafenden Zauberer an, dann Maria. Nach kurzem Suchen fand er den mit Diamanten besetzten und aus purem Gold bestehenden Stab. Er stahl diesen, steckte sich ihn unter seinen Mantel und wollte fluchtartig aus den Gemächern rennen. Aber er mußte noch einmal zurück, um sich das schöne Gesicht von Maria anzusehen. Wie eine fremde Macht, die ihn dazu zwang, stand er minutenlang vor ihr und ließ ihn seine Augen nicht von ihr wenden.
Dann machte sich Hans schnell auf den Rückweg zum See der Königin. Die konnte es kaum erwarten den Zauberstab in ihrem Besitz zu wissen. Als Hans ihn ihr übergab, schloß sie ihn in einen Eisberg ein und verzauberte diesen, den Stab nie wieder frei zu geben, bis ein liebendes Herz in verlangte. Sie war sich sicher, daß das nie geschehen würde, wo sollte sich so ein Herz auffinden, denn sie wollte alles zu Eis erfrieren lassen.
Draußen im Land wurde es immer kälter und kälter. Bald war kein Tier im Wald mehr zu sehen, und die Menschen gingen schon lange nicht mehr aus ihren Häusern. Die wenigen Vögel, die im Winter ausharrten, sangen nicht mehr und fielen zu Eis erstarrt vom Himmel. Bald erloschen auch die Schornsteine der Menschen, und alle Tiere des Waldes erstarrten zu Eis in ihren Behausungen. Das Land war tot. Alles war aus ewigem Eis, und alles war still.
Nun hatte die Eiskönigin ihr Ziel erreicht und herrschte so über den See und über das ganze Land.
Nur eines bemerkte die Königin nicht, und zwar, daß es ihrem Hans gar nicht gut ging. Er wurde immer stiller und zog sich immer mehr zurück. Am Tag, wenn die Königin ruhte, stieg er aus dem See und schaute zum fernen Schloß des Zauberers. Und immer wieder mußte er an die schöne Maria denken. Alles Sträuben half nichts, sie ging dem Hans nicht aus den Kopf.
Einige Zeit ist ins Land gezogen, da faßte er den Entschluß, sich noch einmal auf das Schloß des Zauberers zu begeben, seine Mutter dürfte es aber nie erfahren.
So wartete er die Nacht ab und machte sich auf den Weg. Im Schloß angekommen, stand er vor des Zauberers Tochter. Auch sie war zu Eis erstarrt, hatte aber an ihrer Schönheit nichts verloren. Dem Hans wurde es ganz übel, weil er nun sehen mußte, was er und seine Mutter angerichtet haben. Er faßte sich mit seiner Hand an sein Eisherz und erschrak. Es fühlte sich warm und
wohlig an. Er stellte sich vor einem Spiegel, riß sich sein Hemd auf und glaubte nicht, was er da sah.
Durch seinen gläsernen Körper leuchtete ein tiefrotes Herz, ja sein ganzer Körper schien sich zu erwärmen. So kann nur ein liebendes Herz ausschauen, dachte er bei sich und es wurde ihm klar, daß er darüber mit seiner Mutter reden muß und den Zauberstab aus dem Eisberg wieder in die Hände des Zauberers legen müsse.
Noch einmal beugte er sich zu Maria herunter, hauchte einen Kuß auf ihre Wangen und machte sich eilig auf den Weg zum See.
Dort angekommen, tobte die Königin vor Wut, als sie erfahren mußte, das ihr Sohn auf des Zauberers Schloß war. Hans blieb nichts anderes übrig als ihr die Wahrheit zu sagen, und gestand ihr, daß er die Maria liebe und er den Zauberstab verlange. Die Königin bebte vor Zorn und verlangte vom Hans, daß er auf der Stelle den See verlasse. Da öffnetet Hans sein Hemd und zeigte ihr sein blutrotes Herz. Dieses aber leuchtete so heftig und schlug so laut, daß der ganze See erbebte, den Eisberg, in dem der Zauberstab eingeschlossen war, in Tausend und Abertausende von Eissplittern zerbarsten ließ und somit den Stab freigab. Schnell nahm Hans ihn an sich und verstaute diesen unter seinem Hemd, ganz in der Nähe seines Herzens.
Kaum hatte er dies getan, fing in rasender Eile der See an aufzutauen. Die Königin schmolz zu Wasser, und die Fische erwachten aus ihren Eisschlaf.
Hans machte sich mit dem Zauberstab auf den Weg zum Schloß. Bei jedem Schritt, den er machte, schmolz unter ihm das Eis, und kleine Blumen steckten ihre Köpfchen aus der saftig grünen Erde. Leises Vogelgezwitscher ertönte.
Im Schloß angekommen, legte Hans den Stab in des Zauberers Arme und eilte schnell zu Maria. Als die Beiden erwachten , eilten sie zu dritt auf den Turm, wo der Zauberer schnell den Frühling herbeizaubertete. Schnell war das Eis geschmolzen, die Menschen und die Tiere erwachten aus ihrem Todesschlaf und freuten sich über die vielen saftigen Blumen und die blühenden Bäume.
Hans war so sehr in seine Maria verliebt, daß er um ihre Hand anhielt. Als sie einwilligte, wurde im ganzen Land ein großes Fest gefeiert.
Der Vierjahreszeitenzauberer aber war auf der Hut, denn Hans hatte ihm die ganze Wahrheit über seine Mutter erzählt. Wenn nun wieder einmal der Winter herbeigezaubert wird, wird dieser See nie mehr zufrieren und somit die böse Königin nie mehr aus ihrem Schlaf erwachen.

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Ende
 
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